Von “Schuldspruch ohne Strafe” bis “Höchststrafe”: Die Plädoyers der Nebenkläger

13.04.2011 – Der Landgerichtspräsident hatte bei seiner Begrüßung der Nebenkläger vor Prozeßbeginn noch um Verständnis für die andauernden Sanierungsarbeiten am Justizpalast gebeten, und tatsächlich gleicht das denkmalgeschützte Gebäude aus der Kaiserzeit mit seiner 67 Meter hohen Glaskuppel in weiten Bereichen einer Baustelle. Nicht wenige der Nebenkläger dürften aber auch im Kopf gehabt haben, daß an genau diesem Ort 1943 die Geschwister Scholl sowie weitere Mitglieder des Widerstandsrings der Weißen Rose wegen “Wehrkraftzersetzung” durch den sog. Blutrichter Freisler zum Tod durch das Fallbeil verurteilt worden waren. Um so bewegender war es für die meisten der aus den Niederlanden, Belgien und den USA angereisten Nebenkläger, an dieser Stelle ihre Plädoyers über jenen Mann zu halten, der sich auch aus ihrer Sicht der Beteiligung an der Ermordung der nächsten Angehörigen im Jahr 1943 im Vernichtungslager Sobibor schuldig gemacht hat.

Rechtliche oder tatsächliche Bewertungen waren nicht ihr Anliegen, ausnahmslos alle Angehörigen und Überlebenden schlossen sich der Sicht der Staatsanwaltschaft an, wonach an einer Tätigkeit des Angeklagten als SS-Wachmann in Sobibor kein Zweifel bestehen könne. Die persönlichen Schilderungen all jener, die als Kinder und junge Menschen mit dem Verlust ihrer Eltern, Geschwister sowie teilweise der gesamten Familie hatten zurecht kommen müssen, führten alle Zuhörer jedoch wieder auf den Kern dessen, was der Anklage gegen John “Iwan” Demjanjuk zugrundeliegt: Die Schilderung des menschlichen Leids der Ermordeten, ihrer Hoffnungen bis zuletzt, überleben zu können und die nicht verheilende Wunde der Hinterbliebenen, nach dem Massenmord des NS-Rassenwahns an ihren Familien alleine geblieben zu sein.

So individuell, wie diese Personen im Einzelnen nach dem Krieg mit diesem Verlust zu leben lernen hatten, so unterschiedlich stellten sich auch ihre Erwartungen an das zu ergehende Urteil des Schwurgerichts dar: Während der 90 Jahre alte Sobibor-Überlebende Jules Schelvis die Feststellung der Schuld des Angeklagten begehrte, allerdings aus humanistischen Gründen keine Strafe für diesen eingeforderte, forderten andere Nebenkläger eine angemessene Strafe, andere Hinterbliebene stattdessen die gesetzlich mögliche Höchststrafe von 15 Jahren Haft.

Beeindruckend und fesselnd zudem, wie sich die Nebenkläger selbst gegenüber dem Angeklagten bei ihrem Schlußvortrag positionierten: So sprach Martin Haas den Angeklagten direkt an und nannte ihn, der sich während des gesamten Prozesses hinter Sonnenbrille und unter einer Baseballmütze  versteckt habe, einen “Feigling”. David van Huiden und Rob Fransman stellten ebenso heraus, daß Demjanjuk nicht ein einziges Mal ein Wort des Bedauern über den Tod der aus Westerbork nach Sobibor deportierten Juden geäußert hatte, was nach Rob Fransmans Worten die damaligen Opfer, ihn selbst und alle Hinterbliebenen noch heute beleidige. Andere Nebenkläger hatten sich zudem erhofft, daß John Demjanjuk sich am Ende seines Lebens selbst geäußert hätte, um nachvollziehbar zu machen, was ihn damals zur Teilnahme am Massenmord bewegen konnte. Selbst um den Preis, wie aus dem für den verstorbenen Nebenkläger Rob Wurms verlesenen Plädoyer deutlich wurde, daß man dann vielleicht auch hätte nachvollziehen müssen, warum dem Angeklagten als Wachmann die Flucht aus der Hölle von Sobibor nicht möglich gewesen sein will.

Die meisten Nebenkläger haben nun ihre Schlußworte gesprochen. Ein Großteil dieser Prozeßbeteiligten wird auch zur Urteilsverkündung im Mai nochmals nach München anreisen.

Was in Erinnerung bleiben wird, sind Haltung und Würde, mit der all diese Menschen an dem für sie schmerzvollen Prozeß  gegen John Demjanjuk als Nebenkläger teilgenommen haben.

Am 14.04.2011 werden noch die Plädoyers des Nebenklägers Hellmann sowie der Nebenklägervertreter Prof. Nestler und des Rechtsanwalts Manuel Bloch aus den Niederlanden zu hören sein.

Die bislang verfügbaren Plädoyers sind nachfolgend im Wortlaut zum Download eingestellt (ggf. rechte Maustaste und “Ziel speichern unter” drücken). Weitere Schlußworte werden zeitnah folgen, sobald diese vorliegen.

Plädoyer des verstorbenen Rob Wurms

Plädoyer Max Degen

Plädoyer Jetje Emden

Plädoyer Rob Fransman

Plädoyer Sally Goedel

Plädoyer Kurt Gutmann

Plädoyer Martin Haas

Plädoyer Philip Jacobs

Plädoyer Vera de Jong-Simons

Plädoyer Ellen van der Spiegel

Plädoyer David van Huiden

Plädoyer Constanze Combrink van Huizen

Plädoyer Louis van Velzen

Plädoyer Rudi Westerveld

Plädoyer Leon Viejra

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