Nach dem Ende der Beweisaufnahme: Staatsanwaltschaft fordert 6 Jahre Haft

22.03.2011 – Nachdem das Müchener Schwurgericht trotz der Flut von Beweisanträgen der Verteidigung schließlich das formelle Ende der Beweisaufnahme feststellen konnte, hat Staatsanwalt Dr. Lutz in einem etwa zweieinhalb Stunden dauernden Schlußvortrag nunmehr eine Haftstrafe von 6 Jahren gegen den Angeklagten John “Iwan” Demjanjuk gefordert. Zur Überzeugung der Staatsanwaltschaft steht nicht nur fest, daß der Angeklagte als SS-Wachmann in Sobibor tätig gewesen war, sondern aufgrund seiner Einbindung in den fabrikmäßigen Tötungsbetrieb des Lagers der Beihilfe zum Massenmord an ca. 27.900 Juden  schuldig zu sprechen sei, auch wenn im einzelnen ein konkreter Tatnachweis seiner Mithilfe an den Tötungen nicht geführt werden könne. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ist davon auszugehen, daß die funktionelle Bedeutung eines jeden der etwa 120 SS-Wachmänner immer auf die Förderung der Haupttat, eben den planmäßigen Massenmord aller ankommenden Juden, ausgerichtet gewesen sein muß, da das Lager Sobibor nur diesen einen Zweck zu erfüllen gehabt habe.

Der Ankläger in diesem wohl letzten großen NS-Kriegsverbrecherprozeß machte zudem deutlich, daß es bei dem Prozeß nicht darum gegangen sei, von der Schuld der Deutschen am Holocaust abzulenken, zumal es in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte immer wieder hohe Haftstrafen gegen deutsche SS-Männer gegeben habe. Schließlich verjähre Mord nicht, weshalb sich eben auch ein 90 Jahre alter Angeklagter wegen seiner Beteiligung an solchen Taten auch noch Jahrzehnte später hierfür zu verantworten habe.

Umfassende Kritik an diesem Strafantrag findet sich bereits in der Tagespresse: So beschreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung (http://www.sueddeutsche.de/muenchen/prozess-um-john-demjanjuk-ein-laeppischer-strafantrag-1.1075827) diesen Antrag beispielsweise als “unschlüssig” und “läppisch”: Wäre die Staatsanwaltschaft von der Schuld des Angeklagten überzeugt, müsse sie ungeachtet des hohen Alters eine schuldangemessen hohe Strafe fordern, wenn nicht, eben auf Freispruch plädieren.

Staatsanwalt Dr.Lutz hatte demgegenüber in seinem Plädoyer strafmildernd berücksichtigt, daß sich der Angeklagte wegen seines Treblinkaverfahrens in Israel sowie wegen erlittener Auslieferungs- und U-Haft bereits 8,5 Jahre seines Lebens in Haft befunden habe. habe. Für jeden der 15 Deportationszüge setzte Staatsanwalt Dr. Lutz somit eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren an und forderte schließlich eine Gesamtfreiheitsstrafe von 6 Jahren.

Am 23.03.2011 wird die Hauptverhandlung mit weiteren Plädoyers der Nebenklagevertreter fortgesetzt. Die niederländischen Nebenkläger, darunter der Sobibor-Überlebende Jules Schelvis, sowie der einzige deutsche Nebenkläger aus Berlin werden mit ihren Schlußworten am 13. und 14.04.2011 vor dem Schwurgericht in München zu hören sein. Die Schlußvorträge der Verteidigung sind sodann für den 03.-05.05.2011 angesetzt. Ein Urteil wird für die Prozeßtage 10.-12.05.2011 erwartet.

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