Beiträge vom März, 2011

Nebenkläger Rob Wurms im Alter von 68 Jahren überraschend verstorben

Montag, 28. März 2011 15:54

28.03.2011 – Wie durch die Stiftung Sobibor aus den Niederlanden mitgeteilt wurde, ist der niederländische Nebenkläger Robert Jean Wurms bereits am 24.03.2011 in Monnickendam/NL verstorben. Rob Wurms gehörte zu jenen Nebenklägern, welche auch persönlich immer wieder nach Müchen anreisten, um das Verfahren unmittelbar mitzuerleben. Dem Verfahren hatte er sich angeschlossen, weil seine gesamte Familie in Auschwitz und Sobibor dem Holocaust zum Opfer gefallen war. Seine beiden Schwestern Kaatje and Selma (Veronica) mußten am 02.04.1943 ihr Leben in den Gaskammern von Sobibor, sie waren erst 13 und 15 Jahre alt. Rob Wurms überlebte nur deshalb, da ihn seine Eltern vor der Deportation als 6 Wochen alten Säugling bei einer christlichen Pflegefamilie in Holland hatten verstecken können.

Rob Wurms war von großer Freundlichkeit und bestach durch seine zugewandte Art. Die Nachricht von seinem plötzlichen Tod erfüllt die im Verfahren tätigen Anwälte und Nebenklagevertreter mit großer Trauer. Unsere Gedanken sind nun bei seiner Ehefrau Shifra, den gemeinsamen Kindern sowie der gesamten Familie Wurms.

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Die Plädoyers der Nebenklagevertretung im Wortlaut: Anwälte fordern Angeklagten auf, endlich sein Schweigen zu brechen

Donnerstag, 24. März 2011 10:56

23.03.2011 – In durchweg bewegenden Plädoyers haben gestern die ersten Anwälte der Nebenkläger ihre Überzeugungen über Täterschaft und Schuld des Angeklagten formuliert.

Während sich RA Laurent  (Plädoyer Laurent im Wortlaut) ausführlich und pointiert mit der Fälschungsthese der Verteidigung zum Dienstausweis Nr.1393 auseinandersetzte, kritisierte RA Kleidermann  (Plädoyer Kleidermann im Wortlaut) insbesondere auch die Art und Weise, wie die Verteidigung in den vergangenen rund 90 Prozeßtagen vorgegangen sei. Nebenklagevertreter Schünemann sowie sein aus den USA angereister Kollege Mendelsohn ergriffen das Wort für ihre beiden amerikanischen Mandanten, die zu den wenigen Überlebenden von Sobibor gehören, zum Prozeßende aber mutmaßlich aufgrund ihres hohen Alters nicht mehr aus den USA angereist waren.

Ausführlich setzte sich sodann RA Langer (Plädoyer Langer im Wortlaut) aus Berlin mit den zum Teil abwegigen Thesen der Verteidigung auseinander und richtete zuletzt auch direkt das Wort an den Angeklagten:

Herr Demjanjuk, sehen Sie allen Nebenklägern in die Augen und berichten Sie die Wahrheit über Ihren Werdegang als Wachmann und Ihren Dienst in Sobibor. Sie waren anwesend, als die engsten Angehörigen der Nebenkläger nackt, erniedrigt, beraubt, gestoßen und geprügelt, getäuscht und grausam mit ihrer letzten Hoffnung spielend,  nichts verstehend ihren letzten Gang zu einem qualvollen und sinnlosen Tod antraten. Deren einziger Trost es war, in den letzten Minuten ihres Lebens zu wissen, daß die heutigen Nebenkläger nicht neben ihnen standen. Und die deshalb jetzt hier sein können. Bringen Sie die Kraft auf, uns detailliert zu berichten, was Sie erlebt haben, was Sie bewogen hat, auch nach dem Erkennen der Todesmaschinerie weiter dort zu bleiben und dort Dienst zu tun.

Soll Ihr ganzer Beitrag in diesem Verfahren  das Verstecken hinter der letztlich vergeblichen, auf Verzögerung ausgerichteten Strategie Ihrer Verteidiger sein? Der bedeutende russische Dichter des 19.Jahrhundert F.M. Dostojewski sagte einmal – und nichts könnte für das vorliegende Verfahren treffender sein – über den Verteidiger im Strafprozeß: “Der Advokat ist ein gemietetes Gewissen.” Beenden Sie diesen Mietvertrag und zeigen Sie Ihr eigenes Gewissen. Herr Demjanjuk, nutzen Sie die letzte Chance und brechen Sie Ihr Schweigen!“.

Weitere Plädoyers der Nebenklagevertreter Prof. Nestler, RA Mayer und RA Koch sind für den 13./14.04.2011 vorgesehen. An diesen beiden Tagen werden auch eine Vielzahl von Nebenklägern erwartet, um – unabhängig von ihren Anwälten – persönliche Schlußvorträge zu halten.

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Nach dem Ende der Beweisaufnahme: Staatsanwaltschaft fordert 6 Jahre Haft

Mittwoch, 23. März 2011 8:31

22.03.2011 – Nachdem das Müchener Schwurgericht trotz der Flut von Beweisanträgen der Verteidigung schließlich das formelle Ende der Beweisaufnahme feststellen konnte, hat Staatsanwalt Dr. Lutz in einem etwa zweieinhalb Stunden dauernden Schlußvortrag nunmehr eine Haftstrafe von 6 Jahren gegen den Angeklagten John “Iwan” Demjanjuk gefordert. Zur Überzeugung der Staatsanwaltschaft steht nicht nur fest, daß der Angeklagte als SS-Wachmann in Sobibor tätig gewesen war, sondern aufgrund seiner Einbindung in den fabrikmäßigen Tötungsbetrieb des Lagers der Beihilfe zum Massenmord an ca. 27.900 Juden  schuldig zu sprechen sei, auch wenn im einzelnen ein konkreter Tatnachweis seiner Mithilfe an den Tötungen nicht geführt werden könne. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ist davon auszugehen, daß die funktionelle Bedeutung eines jeden der etwa 120 SS-Wachmänner immer auf die Förderung der Haupttat, eben den planmäßigen Massenmord aller ankommenden Juden, ausgerichtet gewesen sein muß, da das Lager Sobibor nur diesen einen Zweck zu erfüllen gehabt habe.

Der Ankläger in diesem wohl letzten großen NS-Kriegsverbrecherprozeß machte zudem deutlich, daß es bei dem Prozeß nicht darum gegangen sei, von der Schuld der Deutschen am Holocaust abzulenken, zumal es in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte immer wieder hohe Haftstrafen gegen deutsche SS-Männer gegeben habe. Schließlich verjähre Mord nicht, weshalb sich eben auch ein 90 Jahre alter Angeklagter wegen seiner Beteiligung an solchen Taten auch noch Jahrzehnte später hierfür zu verantworten habe.

Umfassende Kritik an diesem Strafantrag findet sich bereits in der Tagespresse: So beschreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung (http://www.sueddeutsche.de/muenchen/prozess-um-john-demjanjuk-ein-laeppischer-strafantrag-1.1075827) diesen Antrag beispielsweise als “unschlüssig” und “läppisch”: Wäre die Staatsanwaltschaft von der Schuld des Angeklagten überzeugt, müsse sie ungeachtet des hohen Alters eine schuldangemessen hohe Strafe fordern, wenn nicht, eben auf Freispruch plädieren.

Staatsanwalt Dr.Lutz hatte demgegenüber in seinem Plädoyer strafmildernd berücksichtigt, daß sich der Angeklagte wegen seines Treblinkaverfahrens in Israel sowie wegen erlittener Auslieferungs- und U-Haft bereits 8,5 Jahre seines Lebens in Haft befunden habe. habe. Für jeden der 15 Deportationszüge setzte Staatsanwalt Dr. Lutz somit eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren an und forderte schließlich eine Gesamtfreiheitsstrafe von 6 Jahren.

Am 23.03.2011 wird die Hauptverhandlung mit weiteren Plädoyers der Nebenklagevertreter fortgesetzt. Die niederländischen Nebenkläger, darunter der Sobibor-Überlebende Jules Schelvis, sowie der einzige deutsche Nebenkläger aus Berlin werden mit ihren Schlußworten am 13. und 14.04.2011 vor dem Schwurgericht in München zu hören sein. Die Schlußvorträge der Verteidigung sind sodann für den 03.-05.05.2011 angesetzt. Ein Urteil wird für die Prozeßtage 10.-12.05.2011 erwartet.

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Reaktion auf Antragsflut der Verteidigung: Schwurgericht ordnet schriftliche Antragstellung an

Dienstag, 1. März 2011 16:19

01.03.2011 – Mit der Aufforderung an den Verteidiger Dr. Busch, weitere Anträge fortan schriftlich zu stellen, hat das Gericht heute auf die in den letzten Prozeßtagen erfolgte Flut von Beweisanträgen der Verteidigung reagiert, wodurch das bereits anviserte Ende der Beweisaufnahme hatte verschoben werden müssen.

Zur Begründung dieses Beschlusses führte die Kammer aus, daß die Verteidigung neuerdings eine Vielzahl von Anträgen gestellt habe, die sich zum Teil bereits wiederholt hätten, ohne daß dies zu einer Straffung in den jeweiligen Antragsbegründungen geführt hätte. So waren in der letzten Sitzung am 22./23.02.2011 allein 130 maschinenschriftlich vorbereiteter Beweisanträge mündlich gestellt worden, der Verteidiger hatte zudem zwei weitere Prozeßtage für die Verlesung weiterer Anträge eingefordert. Die höchste Zahl der vom Verteidiger vorgetragenen Anträge hatte dabei bereits die Nummer 360 aufgewiesen.

Verteidiger Dr. Busch beklagte sich in einer Stellungnahme zu diesem Beschluß, daß die Öffentlichkeit so nun nicht mehr erfahren werde, welche “Entlastungsbeweise” sich in den Akten befänden. Angesichts der – tatsächlich festzustellenden – Wiederholungen in den bisherigen Anträgen ist allerdings kaum zu vermuten, daß der Öffentlichkeit Sachverhalte vorenthalten werden könnten, die nicht schon wiederholt in den Anträgen der Verteidigung zur Sprache gekommen wären. Entlastungsbeweise haben sich nach Aufassung der Nebenklage darin bislang jedenfalls nicht finden lassen.

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