Schriftliche Übersetzung von Demjanjuks Erklärung vorgelegt

In der heutigen Hauptverhandlung wurde den Prozeßbeteiligten nun die Übersetzung der am 23.11.2010 verlesenen und dabei mündlich von der ukrainischen in die deutsche Sprache übertragenen Erklärung John “Iwan” Demjanjuks zugänglich gemacht.

Die Erklärung führt im Wortlaut folgendes aus:

“Mit der Fortsetzung des Verfahrens verletzen die Richter ohne jede moralische Befugnis die Prinzipien des fairen Verfahrens, der Wahrheit, der Gesetzlichkeit und des Rechtsprechungskonzepts selbst, da Deutschland Nachfolger des Dritten Reichs ist und die Richter schon daher keine Rechtsgrundlagen haben.

Weder in Nürnberg, noch in späteren Gerichtsverfahren in Deutschland hat sich ein Staatsanwalt oder Richter getraut, die Tatsachen so zu entstellen, wie es hier der Fall ist. In der Tat bedeutet die Ablehnung der Verantwortung seitens des deutschen Staates für die Folter und den Tod von Millionen sowjetischer Kriegsgefangenen und unmenschliche Lebensbedingungen von uns auch die Ablehnung einer vollständigen Verantwortung für den Holocaust.

Ich beschuldige die Richter Alt, Lenz und Pfluger:

Die Richter ignorieren Tatsachen und machen aus mir, einem einfachen Kriegsgefangenen, einen “Inhaber des deutschen Amtes” – im Bewußtsein, dass sämtliche Urkunden zweifelsfrei belegen, daß dies ein Unsinn ist.

Die Richter schreiben die Geschichte auf´s Neue und fälschen die polnische Entscheidung, indem sie behaupten, da gehe es nur um Treblinka und keinesfalls um Sobibor.

Die Richter setzen sich über israelische, amerikanische, polnische, russische und ukrainische Beweismittel hinweg in der Befürchtung, dass diese gravierende Beweise für meine Unschuld enthalten. Die unterdrücken die Tatsache, dass mein Fall wegen Sobibor bereits ermittelt und verurteilt wurde und dass ich trotz 7,5jähriger rechtswidriger Freiheitsentziehung überlebt habe. All das spricht daffür, daß das Gerichtsverfahren gegen mich rechtswidrrig und falsch ist.

Die Richter verletzen das Gesetz und schaffen neue Regeln nur dafür, dass ausschließlich ich und nicht diejenigen verfolgt werden, denen ein Vorwurf gemacht werden kann, als “Trawniki” Nazis Hilfe geleistet zu haben. Ich erinnere daran, dass Landsleute der Richter freigesprochen oder gar nicht erst verfolgt wurden.

Die Richter wählen bewußt und ohne jeden Zwang sachverständige Zeugen aus, die früher vor OSI ausgesagt haben. Die Richter waren sich sicher, dass die Zeugen untter Einfluss und nach Vorgaben von OSI, einer verbrecherischen Institution, aussagen werden, die mich durch Betrug nach Israel geschickt hat. OSI hat auf meine Hinrichtung gehofft, die trotz zahlreicher freisprechender Beweise hätte vollzogen werden müssen, wobei die Letzteren von amerikanischen Gerichten bestätigt wurden. Heute lebt kein bekannter Zeuge mehr, der sich einer kontradiktorischen Befragung stellen könnte und mich entlasten könnte.

Als Zeuge wurde Charles Sydnor ausgewählt, auch, wenn seine öffentlichen Äußerungen bestätigt haben, dass er mir gegenüber befangen ist. Weil er 1989 den Wunsch geäußert hat, “mich am Galgen hängen zu sehen” sowie glaubt, daß ich ein echtes Monster war.

Im Übrigen verweise ich auf sämtliche Erklärungen, die mein Verteidiger Dr. Ulrich Busch bei Gericht in meinem Namen gemacht hat.

Die Entscheidung, dieses Verfahren weiter zu betreiben, ist eine strafbare Rechtsverletzung zum Zwecke meiner Freiheitsentziehung.

Mit dieser Erklärung beschuldige ich die Richter Alt, Lenz und Pfluger der Gesetzesverletzung und der Verletzung meiner Freiheit.

Ich bitte, meine Erklärung an Regierungsbehörden zur Überprüfung weiterzuleiten, damit diese schwerwiegenden Vorwürfe ihre Folgen haben.

Iwan Demjanjuk
(Unterschrift)

Für die übrigen Verfahrensbeteiligten ist mit dieser nun in Schriftform vorliegenden Erklärungen offenkundig, daß der Angeklagte diese Erklärung nicht allein verfertigt haben dürfte, zu sehr ventilieren Inhalt und Tonlage den Geist jener Erklärungen, die bislang in vielzahliger Form durch Verteidiger Dr. Busch im Verfahren abgegeben wurden.

Das Motiv für dieses mutmaßlich mit dem Verteidiger Dr. Busch eng abgestimmte – oder auch durch den Verteidiger veranlaßte – Vorgehen verbleibt im Unklaren. Einen Vorteil von einer solch heftigen Richterbeschimpfung und -verdächtigung kann sich ein Angeklagter in aller Regel nicht versprechen.  Vielleicht steht dahinter auch der Wunsch, Nebenbühnen zu eröffnen, auf denen die Strafkammer sich verzetteln könnte: So könnte der Angeklagter und sein Wahlverteidiger vielleicht sogar darauf gehofft haben, daß das Gericht von Amts wegen eine Strafanzeige gegen den Angeklagten auf den Weg bringt und sich hieraus weitere Auseinandersetzungen in die Hauptverhandlung hineintragen lassen.

Das Klügste könnte es daher sein, auf solche – fraglos ungewöhnlichen – Anschuldigungen in einem Gerichtssaal mit  Zurückhaltung zu reagieren…

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