Ehemalige US-Gerichtsstenographin als Zeugin vernommen

Mehr als 32 Jahre nach ihrer Tätigkeit bei einem US-Gericht ist am 07.10.2010 vor dem Münchener Schwurgericht eine ehemalige Gerichtsstenographin aus den USA vernommen worden. Da die mittlerweile pensionierte Protokollführerin allerdings in den 1990er Jahren nach Deutschland verzogen war, hatte sie für ihre – in flüssigem Deutsch gehaltene – Aussage jedoch lediglich aus dem nahen Tübingen anreisen müssen.

Zunächst gab die Zeugin einen Einblick in ihre Ausbildung und Arbeitsmethode: Neben der Stenografie habe sie dabei vielfältige Kurse in rechtlichen und wissenschaftlichen Spezialgebieten absolvieren müssen, um alles auch verstehen zu können, was in einem Gerichtssaal gesprochen werde.

Nach ihrer Ausbildung hatte die Zeugin dann eine Anstellung bei einer Privatagentur gefunden, welche von Gerichten,  Staatsanwälten und Anwälten bei Bedarf mit Protokollierungsdiensten beauftragt worden sei. So sei sie auch im April 1978 zu einem Bundesgericht in Ohio entsandt worden, um in einem Zivilverfahren der USA gegen John “Iwan” Demjanjuk jedes Wort getreu mitzuschreiben. In diesem Verfahren wollte der US-Staat dem Beklagten Demjanjuk nachweisen, daß er bei der Beantragung seiner Einreise nach dem Krieg in die USA falsche Zeit- und Ortsangaben zu seinem Leben vor 1945  gemacht hatte – was schließlich auch nachgewiesen werden wurde und zum Entzug der US-Staatsbürgerschaft führte.

“Es ist lange her, aber ich habe bestimmte Erinnerungen”, so die Zeugin. Überrascht sei sie gewesen, daß für Demjanjuk kein Übersetzer vor Ort gewesen sei. Demjanjuk habe einen starken Akzent gehabt, seine Grammatik sei die eines Einwanderers gewesen, er habe viel genuschelt. Manchmal sei er in seinen Antworten sehr klar gewesen, an anderen Stellen nicht.  Wenn sie etwas nicht verstanden habe, habe sie allerdings immer nachgefragt, Ortsnamen oder schwierige Begriffe seien für das Protokoll buchstabiert worden. Außerdem sei das Protokoll nach der Fertigstellung stets dem Gericht und auf Wunsch auch den Prozeßparteien vorzulegen gewesen, um gegebenenfalls Fehler oder Änderungsvorschläge anbringen zu können. Im Fall Demjanjuks hätte sein Rechtsvertreter jedoch darauf verzichtet: “Sein Anwalt sagte damals,  daß sein Mandant das nicht lesen will. Ich habe das in Erinnerung, weil ich damals dachte, wenn ich Demjanjuk wäre, würde ich das lesen wollen”, gab die Zeugin an. Auch die Nichtanwesenheit eines Dolmetschers sei durch Demjanjuks Anwalt nicht beanstandet worden: “Es hat niemand moniert, daß kein Dolmetscher da war”.

Als das Gericht die Zeugin fragte, warum sie sicher sei, die Angaben Demjanjuks richtig protokolliert zu haben, gab sie an, stets nur das aufgeschrieben zu haben, was sie im Gerichtssaal auch gehört habe. Man versuche als Protokollantin alles wie eine “neutrale Maschine” aufzunehmen, was im Gerichtssaal gesprochen werde. Wenn daher in dem Protokoll stehe, daß Demjanjuk die Frage nach seiner Unterschrift auf einem Einreiseantrag mit „Ja“ beantwortet habe, dann habe sie das genauso vernommen: ”Wir schreiben schließlich keine Theaterstücke, sondern das auf, was wir in der Verhandlung auch hören”.

Allerdings räumte die Zeugin auch ein, daß sie das Protokoll der damaligen Vernehmung vor ihrer Zeugenaussage in München unlängst noch mal durch das US-Justizministerium geschickt worden sei, so daß sie dieses nochmal habe durchlesen können: “Als ich das damals aufgenommen habe, war ich so mit Aufschreiben beschäftigt, daß mir das Ziel der Befragung nicht vor Augen stand. Ich hatte auch keine keine Ahnung, daß Demjanjuk etwas mit Konzentrationslagern zu tun gehabt haben sollte”. Es sei  immer wieder um die Angaben gegangen, die Demjanjuk in 30 Jahre zuvor in Einreiseanträgen gemacht hätte, und welche er vor Gericht nun teilweise als falsch widerrief.

In einem US-Visaantrag vom 27.12.1951 hatte Demjanjuk z.B. angegeben, von 1934-1943 in Sobibor gewesen zu sein. Vor Gericht damit konfrontiert, erklärte Demjanjuk 1978 nun unter Eid,  daß dies nicht zutreffe, das habe jemand anders für ihn ausgefüllt. Da er als ehemaliger russischer Soldat nach seiner deutschen Kriegsgefangenschaft nicht wieder in die Sowjetunion habe gehen können, habe er sich daher darauf berufen, Pole zu sein. Warum dabei aber ausgerechnet ein völlig unbekanntes polnisches Straßendorf mit wenigen hundert Einwohnern im äußersten Osten Polens angegeben wurde, ein Flecken, der auf kaum einer Karte verzeichnet gewesen war, ist eine der vielen Fragen, die Demjanjuk schon damals nicht plausibel beantworten konnte.

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