US-Sachverständiger: „Höchstwahrscheinlich, daß der Trawniki-Ausweis Nr.1393 echt ist“

Im Schwurgerichtsverfahren gegen John „Iwan“ Demjanjuk ist am 08.06.2010 die Beweisaufnahme mit der Anhörung eines US-Sachverständigen für Dokumentenprüfung fortgesetzt worden. Ursprünglich war dieses Sachverständigengutachten nach den Planungen des Gerichts bereits für Mitte Mai vorgesehen: Allerdings  hatte der Angeklagte am 18.05.2010 über Herzbeschwerden geklagt und war in einem Krankenhaus außerhalb der JVA Stadelheim auf seinen Gesundheitszustand untersucht worden. Wie der medizinische Sachverständige Dr. Stein zu Beginn der Verhandlung am 08.Juni 2010 dem Gericht nunmehr mitteilte, sei bei dem Angeklagten im Mai zwar ein Blutwert auffällig gewesen, der Verdacht auf Herzinfarkt habe sich jedoch nicht bestätigt, weswegen Demjanjuk nach zwei Tagen auch wieder in die JVA zurückgebracht worden sei. Die Verhandlungsfähigkeit Demjanjuks, so Dr. Stein, bestehe fort.

Mit der Erstattung des Gutachtens durch den US-Experten Larry F. Stewart befaßte sich das Gericht in der zweiten Juniwoche mit der dokumententechnischen Echtheit des SS-Trawniki-Dienstausweises Nr. 1393. Damit näherte sich der Prozeß einem der zentralen Themen des Verfahrens gegen John „Iwan“ Demjanjuk: Nach Auffassung der Anklage wird durch diesen Ausweis die Anwesenheit des Angeklagten im Vernichtungslager Sobibor belegt, da sich dessen Abordnung in das Lager am 27.03.1943 als handschriftlicher Eintrag im Ausweis Nr.1393 findet.

Zu Beginn der Gutachtenserstattung dauerte es jedoch zunächst fast 25 Minuten, bis der Sachverständige seinen beruflichen Werdegang und sämtliche Tätigkeitsfelder aufgezählt hatte. Dies folgte offensichtlich der Praxis in US-amerikanischen Prozessen, wo Ausbildung und Qualifikation eines Sachverständigen Gegenstand langwieriger Befragungen und Kreuzverhöre sind, bevor man sich dem eigentlichen Beweisthema befaßt.

US-Experte Stewart gab sodann an drei Verhandlungstagen Auskunft über seine Arbeitsmethoden und die insgesamt von ihm untersuchten 22 historischen Dokumente, darunter auch der Trawniki-Ausweis Nr.1393 John “Iwan” Demjanjuks. Neben der optischen Überprüfung mittels Lupen und Mikroskopen, UV- und Infrarotlichtquellen  hatte Stewart den fraglichen Dokumenten aber auch eine Vielzahl von Papier- und Tintenproben entnommen und diese auf ihre chemischen Bestandteile untersucht. Ziel sei es dabei gewesen, auszuschließen, daß sich Substanzen in den Dokumenten befinden, welche in der fraglichen Zeit noch gar nicht in Gebrauch waren, so der Sachverständige. Als Beispiel führte er Titaniumoxid an, welches erst ab den 1950er Jahren als optische Aufheller in der Papierherstellung verwendet wird und dafür sorgt, daß Papiere auch nach langer Zeit noch weiß erscheinen. Hätte man solche Substanzen nachweisen können, wäre die Herstellung somit erst nach Kriegsende erfolgt, was ein Beleg für die von der Verteidigung fortwährend behauptete Fälschung des Ausweises Nr.1393 darstellen würde. ”Solche Substanzen konnten jedoch bei keinem der Dokumente festgestellt werden”, stellte Stewart fest.

Aussschließen kann der Sachverständige auch, daß spätere Fälscher den Ausweis durch Heranziehung alter Papiere und Tinten nachträglich, etwa in den 1970er Jahren, nachgemacht hätten. Da Papier im Lauf der Jahre seine Feuchtigkeit verliert und spröde wird, würde man nachträglich aufgebrachte Schreibmaschinenschrift daran erkennen, daß auf der Rückseite des Dokuments feinste Brüche in der Faserstruktur entstehen, welche man dann unter dem Mikroskop erkennen könnte. „Dies konnte ich nicht feststellen“, gab Stewart an.

Schließlich sei auch das Lichtbild in den Ausweis eingebracht worden, bevor dann die beiden Stempel auf das Foto aufgebracht wurden. Zwar muß das Lichtbild zu einem unbekannten Zeitpunkt einmal aus dem Ausweis entfernt oder herausgefallen sein, allerdings sei es anschließend wieder in den Ausweis eingeklebt worden, mit einer Winkelabweichung von einem Grad gegen den Uhrzeigersinn. Aufgrund der sich zur Deckung bringenden Stempelpositionen habe sich das Foto jedoch auch zuvor in dem Ausweis befunden und sei somit nicht nachträglich gegen ein anderes Foto ausgetauscht worden.

„Es ist höchstwahrscheinlich, daß Ausweis und Lichtbild echt sind. Meine physikalisch-technischen sowie chemischen Untersuchungen haben dies ergeben“, schloß Stewart sein Gutachten.

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