Beiträge vom Juni, 2010

War Demjanjuk doch “der Schreckliche”?: Merkwürdige Alibi-Konstruktion der Verteidigung

Donnerstag, 17. Juni 2010 8:07

Vor dem Schwurgericht des Landgerichts München II hat die Verteidigung nunmehr einen Beweisantrag gestellt, wonach der Angeklagte 1943 nicht in Sobibor, sondern im Sinne eines Alibis im angeklagten Tatzeitraum stattdessen im Vernichtungslager Treblinka gewesen sein könnte. Zur Begründung stützt sich Verteidiger Dr. Busch dabei auf die “Auffassungen” und “Überzeugungen” des israelischen Supreme Courts, welches Demjanjuk Anfang 1992 vom Vorwurf freigesprochen hatte, “Iwan der Schreckliche” aus Treblinka gewesen zu sein. Dennoch habe für dieses Gericht, “eine hohe Wahrscheinlichkeit für die Anwesenheit des Angeklagten in Treblinka, nicht aber in Sobibor” bestanden. Auch die israelische Staatsanwaltschaft sei von Demjanjuks Anwesenheit in Treblinka ausgegangen, zusätzlich von einem “Zeitraum von etwa 14 Tagen”, die Demjanjuk in Sobibor gewesen sein soll, heißt es in dem am 15.06.2010 gestellten Beweisantrag.

Zur Erinnerung: Der Angeklagte hatte sich nach seiner ersten Abschiebung nach Israel Mitte der 1980er wegen seiner Beteiligung am Holocaust als SS-Wachmann in Treblinka zu verantworten und war, nachdem Demjanjuk v.a. durch Überlebende  dieses Vernichtungslagers wiedererkannt worden war, durch den District Court in Jerusalem sodann im April 1988 zum Tod durch den Strang verurteilt worden.  Im Juni 1992 wurde dieses Urteil durch den israelischen Supreme Court jedoch aufgehoben, nachdem anhand von Unterlagen aus russischen Archiven neue Hinweise aufgetaucht waren, daß statt Demjanjuk ein Iwan Marchenko jener “Iwan der Schreckliche”  gewesen sein soll, der sich durch besondere Grausamkeiten gegenüber den jüdischen Holocaustopfern vor den Gaskammern in Treblinka hervorgetan hatte. Ein Versuch, Demjanjuk in Israel auch wegen seiner Beteiligung am Betrieb des Vernichtungslagers Sobibor zur Verantwortung zu ziehen, scheiterte schließlich auch vor dem israelischen Verfassungsgericht, welches mehrheitlich entschieden hatte, Demjanjuk hätte sich auf eine Verteidigung auch wegen Sobibor nicht ausreichend vorbereiten können.  Nach seinem Freispruch “wegen Treblinka” war Demjanjuk sodann wieder in die USA ausgereist.

Bislang hatte die Verteidigung in zahllosen Anträgen vor dem Landgericht München II immer wieder behauptet, Demjanjuk habe in Israel wegen Treblinka und wegen Sobibor vor Gericht gestanden. Wegen des ergangenen Freispruchs könne man nun den Angeklagten in Deutschland nicht erneut zur Verantwortung ziehen, so das Argument der Verteidigung.

Auf den ersten Blick erscheint die nunmehrige Volte der Verteidigung daher widersprüchlich, impliziert der Antrag nämlich eine Reihe von Sachverhalten, welche die Verteidigung in München bislang vehement bestritten hatte:

Zum einen könnte Demjanjuk damit doch ein Trawniki-Wachmann in Diensten des Vernichtungslagers Treblinka gewesen sein, gleichwohl ihm dies durch die israelische Justiz in einem 7 Jahre langen Verfahren letztlich nicht nachgewiesen werden konnte. Weiterhin stellt die Verteidigung durch die Berufung auf die israelische Justiz in diesem Punkt offenbar nicht mehr in Frage, daß sich Demjanjuk als SS-Wachmann (auch) in Sobibor aufgehalten haben könnte. 

Der Antrag zielt offenbar darauf ab, ein Alternativ-Alibi zu konstruieren, wonach Demjanjuk wegen Treblinka ja bereits verfolgt und freigesprochen wurde, was einen Schuldspruch in Deutschland nun hindern müsse. Dem Gericht soll es damit unmöglich gemacht werden, den Angeklagten für seine mutmaßliche Tätigkeit in Sobibor zu verurteilen, wenn zugleich die Möglichkeit bestehen kann, daß Demjanjuk doch in Treblinka war – ungeachtet des Freispruchs in Israel.  

Die Verteidigung gibt damit im Grunde zweierlei zu erkennen: Nach dem Gutachten des US-Sachverständigen Stewart, wonach von der Echtheit der historischen  Dokumente auszugehen ist, traut man der Mär von der KGB-Fälschung aller Ausweise offenbar keine Zugkraft mehr zu. Ebenso scheint man auf das wiederholte Argument, Demjanjuk habe in Israel auch wegen einer Anwesenheit in Sobibor vor Gericht gestanden, nicht mehr bauen zu wollen.

Es bestehen aber auch Zweifel, ob Demjanjuk selbst übersehen kann, was sein Verteidiger Dr. Busch mit solchen Anträgen im Kern vorträgt. Wenn das Gericht dem Treblinka-Alibi nämlich im Ergebnis Bedeutung zumessen sollte, wäre mit diesem Alibi davon auszugehen, daß Demjanjuk auch in Sobibor gewesen ist. Selbst wenn der Aufenthalt in letzterem Lager nach RA Buschs Antrag nur “etwa 14 Tage” gedauert haben sollte, würde dies bedeuten, daß Demjanjuk ab dem Zeitpunkt seiner Verlegung nach Sobibor am 27.03.1943 dann 14 Tage in der Mordmaschine Sobibor tätig gewesen sein muß. Und in diesen Zeitraum fallen nach der Münchener Anklageschrift mindestens zwei Transporte aus Westerbork mit insgesamt 3.100 getöteten Juden. Will dies John „Iwan“ Demjanjuk wirklich für sich gelten lassen?

Kategorie: Aktuelles zum Prozeßverlauf | Kommentare deaktiviert | Autor: Koch

US-Sachverständiger: „Höchstwahrscheinlich, daß der Trawniki-Ausweis Nr.1393 echt ist“

Donnerstag, 17. Juni 2010 6:57

Im Schwurgerichtsverfahren gegen John „Iwan“ Demjanjuk ist am 08.06.2010 die Beweisaufnahme mit der Anhörung eines US-Sachverständigen für Dokumentenprüfung fortgesetzt worden. Ursprünglich war dieses Sachverständigengutachten nach den Planungen des Gerichts bereits für Mitte Mai vorgesehen: Allerdings  hatte der Angeklagte am 18.05.2010 über Herzbeschwerden geklagt und war in einem Krankenhaus außerhalb der JVA Stadelheim auf seinen Gesundheitszustand untersucht worden. Wie der medizinische Sachverständige Dr. Stein zu Beginn der Verhandlung am 08.Juni 2010 dem Gericht nunmehr mitteilte, sei bei dem Angeklagten im Mai zwar ein Blutwert auffällig gewesen, der Verdacht auf Herzinfarkt habe sich jedoch nicht bestätigt, weswegen Demjanjuk nach zwei Tagen auch wieder in die JVA zurückgebracht worden sei. Die Verhandlungsfähigkeit Demjanjuks, so Dr. Stein, bestehe fort.

Mit der Erstattung des Gutachtens durch den US-Experten Larry F. Stewart befaßte sich das Gericht in der zweiten Juniwoche mit der dokumententechnischen Echtheit des SS-Trawniki-Dienstausweises Nr. 1393. Damit näherte sich der Prozeß einem der zentralen Themen des Verfahrens gegen John „Iwan“ Demjanjuk: Nach Auffassung der Anklage wird durch diesen Ausweis die Anwesenheit des Angeklagten im Vernichtungslager Sobibor belegt, da sich dessen Abordnung in das Lager am 27.03.1943 als handschriftlicher Eintrag im Ausweis Nr.1393 findet.

Zu Beginn der Gutachtenserstattung dauerte es jedoch zunächst fast 25 Minuten, bis der Sachverständige seinen beruflichen Werdegang und sämtliche Tätigkeitsfelder aufgezählt hatte. Dies folgte offensichtlich der Praxis in US-amerikanischen Prozessen, wo Ausbildung und Qualifikation eines Sachverständigen Gegenstand langwieriger Befragungen und Kreuzverhöre sind, bevor man sich dem eigentlichen Beweisthema befaßt.

US-Experte Stewart gab sodann an drei Verhandlungstagen Auskunft über seine Arbeitsmethoden und die insgesamt von ihm untersuchten 22 historischen Dokumente, darunter auch der Trawniki-Ausweis Nr.1393 John “Iwan” Demjanjuks. Neben der optischen Überprüfung mittels Lupen und Mikroskopen, UV- und Infrarotlichtquellen  hatte Stewart den fraglichen Dokumenten aber auch eine Vielzahl von Papier- und Tintenproben entnommen und diese auf ihre chemischen Bestandteile untersucht. Ziel sei es dabei gewesen, auszuschließen, daß sich Substanzen in den Dokumenten befinden, welche in der fraglichen Zeit noch gar nicht in Gebrauch waren, so der Sachverständige. Als Beispiel führte er Titaniumoxid an, welches erst ab den 1950er Jahren als optische Aufheller in der Papierherstellung verwendet wird und dafür sorgt, daß Papiere auch nach langer Zeit noch weiß erscheinen. Hätte man solche Substanzen nachweisen können, wäre die Herstellung somit erst nach Kriegsende erfolgt, was ein Beleg für die von der Verteidigung fortwährend behauptete Fälschung des Ausweises Nr.1393 darstellen würde. ”Solche Substanzen konnten jedoch bei keinem der Dokumente festgestellt werden”, stellte Stewart fest.

Aussschließen kann der Sachverständige auch, daß spätere Fälscher den Ausweis durch Heranziehung alter Papiere und Tinten nachträglich, etwa in den 1970er Jahren, nachgemacht hätten. Da Papier im Lauf der Jahre seine Feuchtigkeit verliert und spröde wird, würde man nachträglich aufgebrachte Schreibmaschinenschrift daran erkennen, daß auf der Rückseite des Dokuments feinste Brüche in der Faserstruktur entstehen, welche man dann unter dem Mikroskop erkennen könnte. „Dies konnte ich nicht feststellen“, gab Stewart an.

Schließlich sei auch das Lichtbild in den Ausweis eingebracht worden, bevor dann die beiden Stempel auf das Foto aufgebracht wurden. Zwar muß das Lichtbild zu einem unbekannten Zeitpunkt einmal aus dem Ausweis entfernt oder herausgefallen sein, allerdings sei es anschließend wieder in den Ausweis eingeklebt worden, mit einer Winkelabweichung von einem Grad gegen den Uhrzeigersinn. Aufgrund der sich zur Deckung bringenden Stempelpositionen habe sich das Foto jedoch auch zuvor in dem Ausweis befunden und sei somit nicht nachträglich gegen ein anderes Foto ausgetauscht worden.

„Es ist höchstwahrscheinlich, daß Ausweis und Lichtbild echt sind. Meine physikalisch-technischen sowie chemischen Untersuchungen haben dies ergeben“, schloß Stewart sein Gutachten.

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