Sechs mal vier mal vier Meter

Vier mal vier Meter Grundfläche. Lichte Höhe etwa 2,2 Meter. Mutmaßlich sechs solcher Kammern nebeneinander.  In jedem dieser Räume jeweils 80 Menschen dichtgedrängt. Von der Decke strömen Autoabgase in die Kammer, sammeln sich zunächst in Kopfhöhe.  Die Opfer riechen, was da aus der Decke kommt, Kopfschmerzen setzen ein, Herzfrequenzen steigen, Ohrensausen und Augenflimmern setzt ein, die Konzentration läßt nach, gleichzeitig steigt Übelkeit auf, manche erbrechen sich bereits, Panik bricht aus. Die seelische Qual, dem Erstickungstod entgegenzusehen, übersteigt das menschliche Vorstellungsvermögen. Nach 20-30 Minuten sind die letzten Menschen tot, über- und ineinander verschränkt, einander umfassend, kaum voneinander zu trennen, mit allen menschlichen Ausscheidungen bedeckt: So muß das apokalyptische Bild gewesen sein, daß sich beim Öffnen einer in Betrieb befindlichen Gaskammer im Vernichtungslager geboten haben wird.

In der Hauptverhandlung vor dem Münchener Schwurgericht erstattete der Rechtsmediziner Prof. Eisenmenger ein – auch in seiner Nüchternheit – erschütterndes Gutachten, wie sich aus medizinischer Sicht ein Tötungsvorgang in einer Gaskammer ereignet haben muß. Obwohl diese Vorgänge erklärtermaßen auch nicht durch die Verteidigung des Angeklagten in Abrede gestellt werden und man das Wissen um die Art dieser Massentötung als Allgemeingut bezeichnen darf,  muß das Schwurgericht dennoch alle Feststellungen selbst treffen, die in einem späteren Urteil Verwendung finden sollen. Hierzu gehört auch das Mordmerkmal der „grausamen“ Tötung, bei welcher den Opfern aus unbarmherziger Gesinnung heraus Leiden zugefügt werden, die über das mit einer Tötung erforderliche Maß  hinausgehen: Für den Tod in einer Gaskammer war und ist dies fraglos zu bejahen.

Prof. Eisenmenger wurde zudem zu der körperlichen Untersuchung vernommen, die er 2009 an dem Angeklagten nach dessen Abschiebung nach Deutschland vorgenommen hatte. Interessant war hier vor allem die Feststellung, daß dessen linker Oberarm eine kleine Narbe aufweise, an dessen Rand sich zum Teil noch eine kleine Verfärbung finden lasse. Nach Ansicht des Gutachters passe dieser Befund mit der Möglichkeit zusammen, daß sich an dieser Stelle eine Blutgruppen-Tätowierung befunden haben könnte, die nach dem Krieg dann entfernt worden sei. Die bei deutschen SS-Angehörigen obligatorsche Tätowierung erfolgte nach Lage der Akten und historischen Erkenntnissen aber auch bei damaligen sog. fremdvölkischen Wachmännern, die Trawniki ausgebildet und sodann in NS-Lagern eingesetzt worden waren.  Eine große Anzahl ehemaliger SS-Angehöriger hat sich nach dem Krieg diesen körperlichen Zugehörigkeits-Nachweis allerdings chirurgisch entfernen lassen, um nicht überführt zu werden, so der Sachverständige.

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