J´accuse: John Demjanjuk klagt an und erklärt sich mal nebenbei zur Sache

John “Iwan” Demjanjuk hat sein Schweigen gebrochen. Allerdings erhob er nicht selbst die Stimme, um sich zu den Vorwürfen, im Jahre 1943 an der Ermordung von 27.900 Juden im Vernichtungslager Sobibor beteiligt gewesen zu sein, zu äußern: Mittels einer dreiseitigen Erklärung  ließ er am gestrigen Hauptverhandlungstag vor dem Schwurgericht in München seinen Hauptverteidiger Dr. Busch vortragen, daß Deutschland an allem schuld sei, was ihm im Krieg sowie den nachfolgenden Jahrzehnten in seinem Leben geschehen sei. 

So verwunderte es nicht, daß der Angeklagte in dieser Erklärung selbst Anklage gegen Deutschland führte und mantragleich mit der immergleichen Einleitung “Deutschland ist schuld daran…” in 12 Punkten auflistete, daß er immer nur Opfer, niemals Täter war: Während die historischen Bezüge insbesondere auf den Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands, die Kriegsgefangenschaft Demjanjuks sowie das Schicksal der Juden, aber auch Polen, Ukrainer und Russen im Krieg keinen großen Widerspruch hervorrufen dürften, erweiterte der Angeklagte seine Vorwürfe aber auch ausdrücklich auf das heutige “Deutschland”, welches ihn als Unschuldigen mit einer falschen Anklage erneut zum “zwangsdeportierten Kriegsgefangenen” gemacht habe, der nun einem Prozeß, den er als “Folter und Tortur” empfinde, in der JVA Stadelheim “dahinsiechen” müsse. Wie auch zuvor schon sein Verteidiger Dr. Busch erhob Demjanjuk nun selbst schwere Vorwürfe gegen die US-amerikanischen Ermittler des Office of Special Investigations und der “dahinter stehenden Kreise, insbesondere des World Jewish Congress und des Simon-Wiesenthal-Centers, die vom Holocaust leben”.

Das Gericht wertete diese im Namen des Angeklagten vorgetragene und von diesem auch unterschriebene Erklärung zutreffenderweise als Erklärung auch zum Anklagevorwurf und nahm diese folgerichtig zu den Verfahrensakten. Die Überraschung zeigende Forderung des Verteidigers Dr. Busch, diese Erklärung stattdessen nur “zu Protokoll” zu nehmen,  machte deutlich, daß er übersehen haben dürfte, welche rechtliche Besonderheit mit solchen Prozeßerklärungen regelmäßig verbunden ist: Die Erklärung Demjanjuks, er sei nur Kriegsgefangener und Arbeitssklave der Deutschen gewesen, ist nämlich auch eine Einlassung zu dem Anklagevorwurf, er sei in Sobibor als SS-Wachmann tätig gewesen.

Wenn und solange ein Angeklagter schweigt, darf ihm dies in einem Strafprozeß zwar nie zum Nachteil ausgelegt werden. Bricht er jedoch sein Schweigen – und sei es nur mit einer teilweisen Einlassung zum Anklagevorwurf, wie hier geschehen - darf sein weiteres Schweigen in der Beweiswürdigung des Gerichts auch gegen ihn verwendet werden.

Die Nebenklage reagierte auf diese Erklärung mit einem Antrag, Passagen aus dem Buch “Show Trial” des Verteidigers Yoram Sheftel zu verlesen, der Demjanjuk vor dem District Court in Jerusalem in den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verteidigt hatte. An einer Stelle dieses Buches hatte Sheftel betont, wie sehr Demjanjuk das Sowjetregime  der 40er Jahre verachtet habe und daß er, wie viele Ukrainer, das Sowjet-System mit “den Juden” indentifiziert hatte: “Der schlimmste Feind war in seinen Augen Lazar Kaganovitch, der letzte Jude, der Mitglied des Politbüros war”.

“Nimmt man den damaligen Verteidiger Sheftel beim Word, dann hat der Angeklagte, der das Sowjetsystem mit den Juden identifizierte, die Juden aus tiefster Seele verachtet. Und der von ihm sehnlichst herbei gewünschte Zusammenbruch des Sowjetregimes konnte durch die Vernichtung der Juden bewirkt werden”, so Prof. Nestler.  

Im Anschluß wurde sodann ein ehemaliger Lichtbildgutachter des Bundeskriminalamts vernommen, der 1988 das Lichtbild aus dem SS-Trawniki-Ausweis 1393, welcher nach der Anklage Demjanjuk zugerechnet wird, mit sieben weiteren nachweislichen Lichtbildern John “Iwan” Demjanjuks verglichen hatte. Die Gutachtensfertigung war seinerzeit auf Bitten israelischer Behörden erfolgt, welche sich, um Erkenntnisse über die Echtheit des SS-Trawniki-Ausweises für das Verfahren in Israel zu gewinnen, wegen der besonderen Sachkunde an die Spezialabteilung des BKA gewandt hatten. Nachdem man die Gesichter auf den acht Bildern umfangreich nach Merkmalen kategorisiert hatte, sei man damals zu dem Ergebnis gekommen, daß auch das Trawniki-Ausweisbild  mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Demjanjuk zeige, so der ehemalige BKA-Gutachter.

Tags »