Beiträge vom April, 2010

Sechs mal vier mal vier Meter

Dienstag, 20. April 2010 12:57

Vier mal vier Meter Grundfläche. Lichte Höhe etwa 2,2 Meter. Mutmaßlich sechs solcher Kammern nebeneinander.  In jedem dieser Räume jeweils 80 Menschen dichtgedrängt. Von der Decke strömen Autoabgase in die Kammer, sammeln sich zunächst in Kopfhöhe.  Die Opfer riechen, was da aus der Decke kommt, Kopfschmerzen setzen ein, Herzfrequenzen steigen, Ohrensausen und Augenflimmern setzt ein, die Konzentration läßt nach, gleichzeitig steigt Übelkeit auf, manche erbrechen sich bereits, Panik bricht aus. Die seelische Qual, dem Erstickungstod entgegenzusehen, übersteigt das menschliche Vorstellungsvermögen. Nach 20-30 Minuten sind die letzten Menschen tot, über- und ineinander verschränkt, einander umfassend, kaum voneinander zu trennen, mit allen menschlichen Ausscheidungen bedeckt: So muß das apokalyptische Bild gewesen sein, daß sich beim Öffnen einer in Betrieb befindlichen Gaskammer im Vernichtungslager geboten haben wird.

In der Hauptverhandlung vor dem Münchener Schwurgericht erstattete der Rechtsmediziner Prof. Eisenmenger ein – auch in seiner Nüchternheit – erschütterndes Gutachten, wie sich aus medizinischer Sicht ein Tötungsvorgang in einer Gaskammer ereignet haben muß. Obwohl diese Vorgänge erklärtermaßen auch nicht durch die Verteidigung des Angeklagten in Abrede gestellt werden und man das Wissen um die Art dieser Massentötung als Allgemeingut bezeichnen darf,  muß das Schwurgericht dennoch alle Feststellungen selbst treffen, die in einem späteren Urteil Verwendung finden sollen. Hierzu gehört auch das Mordmerkmal der „grausamen“ Tötung, bei welcher den Opfern aus unbarmherziger Gesinnung heraus Leiden zugefügt werden, die über das mit einer Tötung erforderliche Maß  hinausgehen: Für den Tod in einer Gaskammer war und ist dies fraglos zu bejahen.

Prof. Eisenmenger wurde zudem zu der körperlichen Untersuchung vernommen, die er 2009 an dem Angeklagten nach dessen Abschiebung nach Deutschland vorgenommen hatte. Interessant war hier vor allem die Feststellung, daß dessen linker Oberarm eine kleine Narbe aufweise, an dessen Rand sich zum Teil noch eine kleine Verfärbung finden lasse. Nach Ansicht des Gutachters passe dieser Befund mit der Möglichkeit zusammen, daß sich an dieser Stelle eine Blutgruppen-Tätowierung befunden haben könnte, die nach dem Krieg dann entfernt worden sei. Die bei deutschen SS-Angehörigen obligatorsche Tätowierung erfolgte nach Lage der Akten und historischen Erkenntnissen aber auch bei damaligen sog. fremdvölkischen Wachmännern, die Trawniki ausgebildet und sodann in NS-Lagern eingesetzt worden waren.  Eine große Anzahl ehemaliger SS-Angehöriger hat sich nach dem Krieg diesen körperlichen Zugehörigkeits-Nachweis allerdings chirurgisch entfernen lassen, um nicht überführt zu werden, so der Sachverständige.

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J´accuse: John Demjanjuk klagt an und erklärt sich mal nebenbei zur Sache

Mittwoch, 14. April 2010 8:36

John “Iwan” Demjanjuk hat sein Schweigen gebrochen. Allerdings erhob er nicht selbst die Stimme, um sich zu den Vorwürfen, im Jahre 1943 an der Ermordung von 27.900 Juden im Vernichtungslager Sobibor beteiligt gewesen zu sein, zu äußern: Mittels einer dreiseitigen Erklärung  ließ er am gestrigen Hauptverhandlungstag vor dem Schwurgericht in München seinen Hauptverteidiger Dr. Busch vortragen, daß Deutschland an allem schuld sei, was ihm im Krieg sowie den nachfolgenden Jahrzehnten in seinem Leben geschehen sei. 

So verwunderte es nicht, daß der Angeklagte in dieser Erklärung selbst Anklage gegen Deutschland führte und mantragleich mit der immergleichen Einleitung “Deutschland ist schuld daran…” in 12 Punkten auflistete, daß er immer nur Opfer, niemals Täter war: Während die historischen Bezüge insbesondere auf den Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands, die Kriegsgefangenschaft Demjanjuks sowie das Schicksal der Juden, aber auch Polen, Ukrainer und Russen im Krieg keinen großen Widerspruch hervorrufen dürften, erweiterte der Angeklagte seine Vorwürfe aber auch ausdrücklich auf das heutige “Deutschland”, welches ihn als Unschuldigen mit einer falschen Anklage erneut zum “zwangsdeportierten Kriegsgefangenen” gemacht habe, der nun einem Prozeß, den er als “Folter und Tortur” empfinde, in der JVA Stadelheim “dahinsiechen” müsse. Wie auch zuvor schon sein Verteidiger Dr. Busch erhob Demjanjuk nun selbst schwere Vorwürfe gegen die US-amerikanischen Ermittler des Office of Special Investigations und der “dahinter stehenden Kreise, insbesondere des World Jewish Congress und des Simon-Wiesenthal-Centers, die vom Holocaust leben”.

Das Gericht wertete diese im Namen des Angeklagten vorgetragene und von diesem auch unterschriebene Erklärung zutreffenderweise als Erklärung auch zum Anklagevorwurf und nahm diese folgerichtig zu den Verfahrensakten. Die Überraschung zeigende Forderung des Verteidigers Dr. Busch, diese Erklärung stattdessen nur “zu Protokoll” zu nehmen,  machte deutlich, daß er übersehen haben dürfte, welche rechtliche Besonderheit mit solchen Prozeßerklärungen regelmäßig verbunden ist: Die Erklärung Demjanjuks, er sei nur Kriegsgefangener und Arbeitssklave der Deutschen gewesen, ist nämlich auch eine Einlassung zu dem Anklagevorwurf, er sei in Sobibor als SS-Wachmann tätig gewesen.

Wenn und solange ein Angeklagter schweigt, darf ihm dies in einem Strafprozeß zwar nie zum Nachteil ausgelegt werden. Bricht er jedoch sein Schweigen – und sei es nur mit einer teilweisen Einlassung zum Anklagevorwurf, wie hier geschehen - darf sein weiteres Schweigen in der Beweiswürdigung des Gerichts auch gegen ihn verwendet werden.

Die Nebenklage reagierte auf diese Erklärung mit einem Antrag, Passagen aus dem Buch “Show Trial” des Verteidigers Yoram Sheftel zu verlesen, der Demjanjuk vor dem District Court in Jerusalem in den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verteidigt hatte. An einer Stelle dieses Buches hatte Sheftel betont, wie sehr Demjanjuk das Sowjetregime  der 40er Jahre verachtet habe und daß er, wie viele Ukrainer, das Sowjet-System mit “den Juden” indentifiziert hatte: “Der schlimmste Feind war in seinen Augen Lazar Kaganovitch, der letzte Jude, der Mitglied des Politbüros war”.

“Nimmt man den damaligen Verteidiger Sheftel beim Word, dann hat der Angeklagte, der das Sowjetsystem mit den Juden identifizierte, die Juden aus tiefster Seele verachtet. Und der von ihm sehnlichst herbei gewünschte Zusammenbruch des Sowjetregimes konnte durch die Vernichtung der Juden bewirkt werden”, so Prof. Nestler.  

Im Anschluß wurde sodann ein ehemaliger Lichtbildgutachter des Bundeskriminalamts vernommen, der 1988 das Lichtbild aus dem SS-Trawniki-Ausweis 1393, welcher nach der Anklage Demjanjuk zugerechnet wird, mit sieben weiteren nachweislichen Lichtbildern John “Iwan” Demjanjuks verglichen hatte. Die Gutachtensfertigung war seinerzeit auf Bitten israelischer Behörden erfolgt, welche sich, um Erkenntnisse über die Echtheit des SS-Trawniki-Ausweises für das Verfahren in Israel zu gewinnen, wegen der besonderen Sachkunde an die Spezialabteilung des BKA gewandt hatten. Nachdem man die Gesichter auf den acht Bildern umfangreich nach Merkmalen kategorisiert hatte, sei man damals zu dem Ergebnis gekommen, daß auch das Trawniki-Ausweisbild  mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Demjanjuk zeige, so der ehemalige BKA-Gutachter.

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