Demjanjuks Dienstnummer “1393″ – Transferlisten im russischen Generalkonsulat eingesehen

Im Rahmen eines nichtöffentlichen Termins haben die Verfahrensbeteiligten am 25.03.2010 in den Räumen des russischen Generalkonsulats in München zwei Trawniki-Transferlisten im Original eingesehen. Es handelte sich dabei zum einen um die Auflistung von 84 fremdvölkischen SS-Wachmännern, von denen am 26.03.1943 insgesamt 80 Wachmänner vom SS-Ausbildungslager Trawniki nach Sobibor  abkommandiert worden waren.  Die Personalien des Angeklagten sind in der Liste unter Nr. 30 und in der Schreibweise “Demianiuk, Iwan “, geboren am 03.04.1920 in “Dubai-Makarinzi”  sowie der Identifikationsnummer “1393″ vermerkt. Anklage und Eröffnungsbeschluß legen das Datum der Liste daher als frühestmöglichen Eintritt des Angeklagten in das Lagersystem von Sobibor dem Tatvorwurf zugrunde.

Das Dokument wurde seinerzeit mittels einer Schreibmaschine erstellt und besteht aus dem typischen, dünnen Durchschlagspapier, wie es früher bei der Erstellung von Durchschriften auf einer Schreibmaschine überall Verwendung gefunden hat. Das Durchschlagspapier ist dabei von beiden Seiten beschriftet worden, muß also bei der Fertigung nach der ersten Seite aus der Schreibmaschine herausgenommen und  mit einem neuen Originalpapier (ggf. auch der ebenso umgedrehten ersten Originalseite)  umgedreht und neu eingespannt worden sein. Die doppelte Beschriftung von Schreibmaschinenseiten - ebenso wie der Durchschläge – ist in früheren Zeiten alles andere als ungewöhnlich gewesen, dürfte zudem aber auch in kriegsbedingter Sparsamkeit der SS-Vewaltung begründet gewesen sein. Die Liste kann somit als unmittelbar gefertigte Kopie des Orginalliste interpretiert werden, welche bei der Verlegung von SS-Wachmännern aus dem Ausbildunsglager Trawniki in andere Lager für die SS-Verwaltung angefertigt wurde.

Der Verbleib der Originalliste ist unbekannt und auch der historische Auffindeort dieses Original-Durchschlags ist ungeklärt: Nach Auskunft des Generalkonsulats in München, welches die Transferlisten zur Vorlage in dem Verfahren gegen Demjanjuk aus russischen Archiven erhalten hatte, ist bislang lediglich bekannt, daß die SS-Listen bei dem Vormarsch der Roten Armee in den erkämpften Gebieten “erbeutet” wurden.

Bei der Inaugenscheinnahme der Verlegungsliste nach Sobibor fiel auf, daß das Dokument am Rand mit einem ca 1,5 cm breiten Verstärkungsstreifen einseitig überklebt worden ist. Andere Teile des Dokuments wiesen zudem in breiteren Streifen dünne und durchsichtige Aufklebungen auf, die an eine Laminierung erinnerten: Anwesende Nebenklagevertreter äußerten daher die Vermutung, daß die Liste, eben bestehend aus einem dünnen Durchschlagspapier, nach dem Krieg durch aufgebrachte Randstreifen und Laminierung vor einem weiteren Verfall geschützt werden sollte, wofür auch die bereits beschädigten Randbereiche der Liste sprechen dürften. Die Verteidigung spekulierte demgegenüber, es handele sich wegen der aufgebrachten Streifen zwingend um eine “zusammengesetzte  Urkunde” (gemeint ist gezielte Herstellung nach dem Krieg/Fälschung).

Dem Augenschein nach ließ sich dem Dokument allerdings an keiner Stelle entnehmen, daß tatsächlich unterschiedliche Papier-Teile aneinandergeklebt worden sein könnten: Hiergegen spricht sowohl die Durchsichtigkeit der Laminierstreifen, welche die darunterliegende Schrift zweifelsfrei zu erkennen geben als auch der Umstand, daß die beiden Verstärkungsstreifen am Rand jeweils nur von einer Seite (und jeweils hinter der Schrift, nicht auf der Schrift) aufgebracht worden sind. Wenn dies so ist, dann muß in die Verlegungsliste bei ihrer Fertigung aber auch zweifelsfrei die Dienstnummer der Angeklagten “1393″ eingetippt worden sein, was die Authentizität der Liste im Zusammenhang mit anderen historischen Dokumenten, welche Namen und SS-Dienstnummer des Angeklagten Demjanjuk aufweisen, belegen dürfte.

Eine zweite Transferliste – dem Augenschein nach ebenfalls die Durchschlagskopie eines mittels Schreibmaschine geschriebenen Dokuments - betraf die Verlegung von 140 Trawniki-Männern in das KZ Flossenbürg am 01.10.1943.  Als Listen-Nr.53 ist dort ein “Iwan Demianjuk”, geb. am 03.04.1920, aufgeführt. Sehr schlecht zu erkennen, für einige Verfahrensbeteiligte jedoch ersichtlich, weist dieser Listeneintrag ebenfalls die Nummer “1393″ auf.

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