Beiträge vom März, 2010

Demjanjuks Dienstnummer “1393″ – Transferlisten im russischen Generalkonsulat eingesehen

Freitag, 26. März 2010 12:28

Im Rahmen eines nichtöffentlichen Termins haben die Verfahrensbeteiligten am 25.03.2010 in den Räumen des russischen Generalkonsulats in München zwei Trawniki-Transferlisten im Original eingesehen. Es handelte sich dabei zum einen um die Auflistung von 84 fremdvölkischen SS-Wachmännern, von denen am 26.03.1943 insgesamt 80 Wachmänner vom SS-Ausbildungslager Trawniki nach Sobibor  abkommandiert worden waren.  Die Personalien des Angeklagten sind in der Liste unter Nr. 30 und in der Schreibweise “Demianiuk, Iwan “, geboren am 03.04.1920 in “Dubai-Makarinzi”  sowie der Identifikationsnummer “1393″ vermerkt. Anklage und Eröffnungsbeschluß legen das Datum der Liste daher als frühestmöglichen Eintritt des Angeklagten in das Lagersystem von Sobibor dem Tatvorwurf zugrunde.

Das Dokument wurde seinerzeit mittels einer Schreibmaschine erstellt und besteht aus dem typischen, dünnen Durchschlagspapier, wie es früher bei der Erstellung von Durchschriften auf einer Schreibmaschine überall Verwendung gefunden hat. Das Durchschlagspapier ist dabei von beiden Seiten beschriftet worden, muß also bei der Fertigung nach der ersten Seite aus der Schreibmaschine herausgenommen und  mit einem neuen Originalpapier (ggf. auch der ebenso umgedrehten ersten Originalseite)  umgedreht und neu eingespannt worden sein. Die doppelte Beschriftung von Schreibmaschinenseiten - ebenso wie der Durchschläge – ist in früheren Zeiten alles andere als ungewöhnlich gewesen, dürfte zudem aber auch in kriegsbedingter Sparsamkeit der SS-Vewaltung begründet gewesen sein. Die Liste kann somit als unmittelbar gefertigte Kopie des Orginalliste interpretiert werden, welche bei der Verlegung von SS-Wachmännern aus dem Ausbildunsglager Trawniki in andere Lager für die SS-Verwaltung angefertigt wurde.

Der Verbleib der Originalliste ist unbekannt und auch der historische Auffindeort dieses Original-Durchschlags ist ungeklärt: Nach Auskunft des Generalkonsulats in München, welches die Transferlisten zur Vorlage in dem Verfahren gegen Demjanjuk aus russischen Archiven erhalten hatte, ist bislang lediglich bekannt, daß die SS-Listen bei dem Vormarsch der Roten Armee in den erkämpften Gebieten “erbeutet” wurden.

Bei der Inaugenscheinnahme der Verlegungsliste nach Sobibor fiel auf, daß das Dokument am Rand mit einem ca 1,5 cm breiten Verstärkungsstreifen einseitig überklebt worden ist. Andere Teile des Dokuments wiesen zudem in breiteren Streifen dünne und durchsichtige Aufklebungen auf, die an eine Laminierung erinnerten: Anwesende Nebenklagevertreter äußerten daher die Vermutung, daß die Liste, eben bestehend aus einem dünnen Durchschlagspapier, nach dem Krieg durch aufgebrachte Randstreifen und Laminierung vor einem weiteren Verfall geschützt werden sollte, wofür auch die bereits beschädigten Randbereiche der Liste sprechen dürften. Die Verteidigung spekulierte demgegenüber, es handele sich wegen der aufgebrachten Streifen zwingend um eine “zusammengesetzte  Urkunde” (gemeint ist gezielte Herstellung nach dem Krieg/Fälschung).

Dem Augenschein nach ließ sich dem Dokument allerdings an keiner Stelle entnehmen, daß tatsächlich unterschiedliche Papier-Teile aneinandergeklebt worden sein könnten: Hiergegen spricht sowohl die Durchsichtigkeit der Laminierstreifen, welche die darunterliegende Schrift zweifelsfrei zu erkennen geben als auch der Umstand, daß die beiden Verstärkungsstreifen am Rand jeweils nur von einer Seite (und jeweils hinter der Schrift, nicht auf der Schrift) aufgebracht worden sind. Wenn dies so ist, dann muß in die Verlegungsliste bei ihrer Fertigung aber auch zweifelsfrei die Dienstnummer der Angeklagten “1393″ eingetippt worden sein, was die Authentizität der Liste im Zusammenhang mit anderen historischen Dokumenten, welche Namen und SS-Dienstnummer des Angeklagten Demjanjuk aufweisen, belegen dürfte.

Eine zweite Transferliste – dem Augenschein nach ebenfalls die Durchschlagskopie eines mittels Schreibmaschine geschriebenen Dokuments - betraf die Verlegung von 140 Trawniki-Männern in das KZ Flossenbürg am 01.10.1943.  Als Listen-Nr.53 ist dort ein “Iwan Demianjuk”, geb. am 03.04.1920, aufgeführt. Sehr schlecht zu erkennen, für einige Verfahrensbeteiligte jedoch ersichtlich, weist dieser Listeneintrag ebenfalls die Nummer “1393″ auf.

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Erneuter Eklat vor dem Schwurgericht

Dienstag, 23. März 2010 13:27

Vor dem Landgericht München II wurde heute mit der Vernehmung eines bayerischen LKA-Ermittlers begonnen, der in Zusammenarbeit mit der Zentralstelle  in Ludwigsburg die Ermittlungen gegen John Demjanjuk maßgeblich betrieben hatte.  Im Zuge seiner Recherchen hatte der Kriminalkommissar dabei auch Archive in Israel und den USA besucht sowie die Orte des ehemaligen Vernichtungslagers Sobibor und des SS-Ausbildungslagers Trawniki in Augenschein genommen.

Vor Beginn der Vernehmung kam es zu einem erneuten Eklat zwischen Verteidigung und Nebenklagevertretung. So forderte Verteidiger Dr. Busch u.a. Vertreter der Nebenklage auf, zu erklären, was sie mit dem Prozeß beabsichtigten, insbesondere ob sie damit die sog.  ”Holocaust-Industrie” betreiben würden. Mit diesem Schlagwort wird nicht nur in antisemitischen Kreisen das Klischee kolportiert, Juden verfolgten mit der Aufarbeitung des Holocaust auch finanzielle Interessen und die Jewish Claims Conference bereichere sich an Entschädigungsgeldern für jüdische Opfer.

Durch vier Nebenklagevertreter war daraufhin beantragt worden, diese Äußerung als mögliche Straftat in der Hauptverhandlung protokollieren zu lassen.

- zum Begriff “Holocaust-Industrie” siehe:

http://www.bpb.de/publikationen/EKE79A,0,0,HolocaustIndustrie.html

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Das Kabinett des Dr. Busch

Mittwoch, 17. März 2010 8:43

Vor dem Langericht München ist der Prozeß gegen John “Iwan” Demjanjuk gestern mit der Vernehmung des historischen Sachverständigen Dr. Pohl fortgesetzt worden.

Interessant war dabei weniger die Befragung des Historikers als die Äußerungen, mit denen sich der Verteidiger des Angeklagten Dr. Busch im Gerichtsaal bemerkbar machte. So kommentierte er beispielsweise grinsend eine Antwort des Sachverständigen, dieser müsse aufpassen, wenn er im Gerichtssaal sage, daß Juden mit Trawniki-Wachmänner in den Vernichtungslagern auch Tauschgeschäfte mit Lebensmitteln gemacht hätten, um überleben zu können: Hiermit spielte der Verteidiger auf die empörten Reaktionen an, die er wegen seiner wiederholten Gleichsetzung von jüdischen Opfern und ukrainischen SS-Wachmännern provoziert hatte. Ansonsten tat sich der Verteidiger abermals mit seiner Strategie hervor, historische und juristische Sachverhalte munter durcheinander zu würfeln.

“Die Gestapo hat doch durch Erhängen getötet, das habe ich im Gymnasium so gelernt”
(Verteidiger Dr. Busch auf die Antwort des Sachverständigen, daß Deserteure in den Vernichtungslagern im Einzelfall durch die SS erschossen worden wären)  

“Sie tun hier so, als hätten Sie die Moral gepachtet, Sie haben überhaupt keine moralische Legitimation, meinen Mandanten hier auf die Anklagebank zu bringen”
(Verteidiger Dr. Busch auf Beanstandungen einer Frage durch die Nebenklage)

“Sie sollten in Altersheime gehen, die noch lebenden Massenmörder holen und hier anklagen”
(Verteidiger Dr. Busch in Anspielung auf den ehemaligen Trawniki-Wachmann N., der vor Gericht als Zeuge gehört worden war) 

 “Ich muß hier gar nichts”
(Verteidiger Dr. Busch auf die wiederholte Rüge, daß er seine Vorhalte bei der Befragung durch Fundstellen belegen müsse)

“Das sehen außer Ihnen alle im Gerichtssaal anders”
(Vorsitzender Richter Alt´s Erwiderung hierauf)

“Das steht irgendwo zwischen Bl. 1500 und Bl.2000 der Akten”
(Verteidiger Dr. Busch´s Versuch, eine Fundstelle zu nennen)

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