Die “Westerbork”-Listen: Zeugnis deutscher Gründlichkeit

Mit der Befragung des Historikers Prof. ten Cate aus den Niederlanden ist heute die Beweisaufnahme im Verfahren gegen John “Iwan” Demjanjk fortgesetzt worden. Allerdings nicht, wie geplant, mit dessen Vernehmung als Sachverständiger: In einem Befangenheitsantrag hatte die Verteidigung vorgetragen, ten Cate habe sich im Mai 2009 auch zur Beweislage und seiner Überzeugung geäußert, Demjanjuk  sei ein SS-Wachmann gewesen. Nachdem der Sachverständige dieses Interview nicht in Abrede gestellt hatte, änderte das Gericht seine Anordnung ab und vernahm Prof. ten Cate stattdessen als Zeugen zu seinen Beobachtungen, die er im Hinblick auf die Deportationslisten des Auffanglagers Westerbork nach Sobibor gemacht hatte.

Bei diesen Listen handelt es sich um seinerzeit im Lager erstellter Listen, welche für Zehntausende Juden aus den Niederlanden die Fahrkarte in die Vernichtung darstellen sollten und auf welchen akribisch Namen, Geburstdaten und vorherige Wohnanschriften der zu deportierenden Juden aufnotiert worden waren. Für den jeweiligen Transportzug, welcher nach einer Fahrt von etwa 3 Tagen das Vernichtungslager erreicht hatte, war dabei im Ergebnis aber nur die absolute Zahl an Insassen von Bedeutung – diese wurde in der Regel bei der Abfahrt auf die Zugwaggons aufgemalt. Wichtiger war der Inhalt der Listen jedoch für den Verwaltungskreislauf der NS-Besatzung: So erhielt z.B. das sogenannte Judenreferat IV B 4 in Berlin genaue Kenntnis von den Transporten, Rentenkassen wurden informiert und Abrechnungsfragen mit der Reichbahn wegen der Transportkosten fanden so eine aktenmäßige Grundlage. Auch niederländische Meldeämter wurden um die Daten jener Juden aktualisiert,  welche nach offizieller, zynischer Lesart aus Westerbork “abgereist” waren.

Auf den maschinenschriftlichen Zusammenstellungen herrschte daher deutsche Gründlichkeit: In Nachträgen wurden jene Juden ergänzt, die nach Erstellung der Hauptliste noch auf den Transport genommen wurden – oftmals deshalb, um mit ihren Familienmitgliedern zusammenbleiben zu können. Ergänzend wurden aber auch jene Lagerinsassen erwähnt, welche von der Transportliste wieder heruntergenommen worden waren, selbst wenn es sich, wie im Fall des Transports vom 30.3.1943,  nur um eine einzige Person gehandelt und sich die Transportzahl so von 1255 auf 1254 reduziert hatte.

Mit Hilfe des niederländischen Roten Kreuzes konnten die erhalten gebliebenen Listen nach dem Krieg sodann für Hinterbliebene nutzbar gemacht werden, um nach dem Schicksal ihrer Angehörigen zu forschen, wenn auch meist mit dem schrecklichen Ergebnis, daß diese von Westerbork aus in das Generalgouvernement und damit in den Holocaust geschickt worden waren. Allerdings war es den Hinterbliebenen nach dem Krieg so möglich, Totenscheine zu erhalten und Verwandtschafts- oder Erbschaftsverhältnisse klären zu lassen. Die Westerborklisten stellen somit einen in der Holocaust-Forschung eher seltenen Fall dar, nachträglich Zehntausende deportierter Menschen namentlich identifizieren zu können, welche in einem konkreten Vernichtungsvorgang der NS-Maschinerie unterworfen worden waren.

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