Überlebender Zeuge: “Die Ukrainer waren immer da, überall, ohne sie ging nichts in Sobibor”

Mit der Vernehmung des Überlebenden Sobibor-Häftlings Thomas Blatt ist am 19. und 20.01.2010 die Beweisaufnahme vor dem Schwurgericht in München fortgesetzt worden. Der Zeuge, der in dem polnischen Ort Izbica aufgewachsen war, schilderte, wie er Ende April 1943 auf 2 Lastwagen mit ca. 200 Juden in das Vernichtungslager Sobibor verschleppt wurde: “Wir Polen wußten, was in Sobibor auf uns zukommen würde. Von Belzec war ja schon bekannt, daß dort Juden umgebracht wurden. Die SS legte keinen Wert darauf, uns zu täuschen, das machte man nur bei den Transporten aus Deutschland oder Holland, diese Juden ließ man bis zuletzt in dem Glauben, daß sie in ein Arbeitslager gekommen waren”.

Blatt erinnerte sich, daß auch er zunächst überrascht war, welchen geordneten und gepflegten Eindruck der erste Lagerbereich auf ihn machte: “Ich dachte, Sobibor muß wie eine Hölle aussehen. Menschen in Lumpen, aber es war ganz anders. Es war nicht schmutzig, es war schön, auf der rechten Seite war eine kleine Bahnstation mit Wegweisern. Auf einem Haus stand “Schwalbennest” geschrieben, es gab Blumen an den Wegen”.

Kurz nach der Ankunft war der 14jährige Blatt dann durch den SS-Mann Frenzel als Arbeitshäftling ausgewählt worden und konnte so als Zwangsarbeiter bis zum Aufstand am 14.10.1943 im Vernichtungslager überleben: “Ich mußte an vielen Stellen arbeiten, im Waldkommando, beim Sortieren der Kleider und Verbrennen der Dokumente der Opfer. Auch habe ich Frauen die Haare schneiden müssen, bevor sie ins Gas geschickt wurden”.

An Demjanjuk selbst hat Thomas Blatt, der seit den 1960er Jahren in NS-Verfahren wiederholt als Zeuge ausgesagt hatte, keine Erinnerung: “Ich kann mich nicht einmal an das Gesicht meiner Eltern erinnern. Ich habe nur gesehen, wie die Wachmänner mit den Bajonetten die polnischen Juden vor sich her getrieben haben. Ich habe die blutigen Schuhe der Wachmänner gesehen”. Die Ukrainer, so der Zeuge, seien immer da gewesen, ohne sie sei nichts in Sobibor gegangen.

Auf die Behauptung der Verteidigung, Demjanjuk sei als SS-Wachmann ebenso ein Opfer wie die Arbeitshäftlinge in Sobibor gewesen, entgegnete Blatt, daß die Juden im Gegensatz zu den Trawniki-Männern nicht bewaffnet gewesen seien und jeden Tag mit dem Tod rechnen mußten: “Wer behauptet, wir hätten mit den SS-Wachmännern auf einer Stufe gestanden, ist ein Idiot”.

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