Beiträge vom Januar, 2010

Vernichtungsalltag in Sobibor: Erschütternder Bericht eines Überlebenden

Dienstag, 26. Januar 2010 14:54

Am 21.01.2010 ist als weiterer überlebender Sobibor-Häftling Philip Bialowitz als Zeuge vernommen worden. In Polen geboren und  aufgewachsen, wurde Bialowitz als Jugendlicher ebenfalls im April 1943 nach Sobibor verschleppt, wo er als Zwangsarbeiter mehrere Monate in dem Vernichtungslager überlebte, bis auch ihm bei dem Aufstand im Okober 1943 die Flucht aus Sobibor gelang.

Er berichtete, daß er bereits einen Tag nach seiner Ankunft in Sobibor von einem anderen Häftling erfahren mußte, daß dieser seinen – Bialowitz´ – Schwestern die Haare geschoren hatte, bevor die Mädchen in die Gaskammer geschickt worden seien. Eingehend schilderte der Zeuge sodann den grausamen Lageralltag sowie Szenen beim Ausladen von Transportzügen, deren Insassen aus Holland und Deutschland bis zum Schluß nicht gewußt hätten, daß sie ihrem sicheren Tod entgegengehen würden. Manche Holländer hätten ihm, dem Arbeitssklaven, ein Trinkgeld für seine Hilfe beim Austeigen angeboten, er selbst habe aber gewußt, daß all diese Menschen binnen einer Stunde ermordet würden.  

Als einmal ein Transport mit Viewaggons gekommen sei, sei eine große Zahl der mutmaßlich polnischen Juden bereits tot gewesen: Die Leichen vor Augen, habe sich Bialowitz selbst auf den Boden gelegt in der verzweifelten Erwartung, daß der SS-Aufseher ihn dann kurzerhand erschießen werde. Der SS-Mann habe ihn jedoch wieder hochgezogen und ihm wegen des Verwesungsgeruchs eine Zigarette in den Mund gesteckt. Amschließed habe der SS-Mann eine tote Mutter mit ihrem ebenfalls toten Kind mit den Worten “was für ein schönes Bild” fotographiert und sei weggegangen. Speziell diese Szene verfolge den Zeugen noch heute bis in den Schlaf .

 Der in englisch abgefaßte Zeugenbericht, den Herr Bialowitz – auch aufgrund seines hohen Alters – schriftlich abgefaßt und verlesen hatte, ist mit ausdrücklicher Zustimmung des Zeugen sowie seiner Anwälte nachfolgend abrufbar:

Statement read by Philip Bialowitz for the court during the John Demjanjuk trial on 21.01.2010

Kategorie: Aktuelles zum Prozeßverlauf | Kommentare deaktiviert | Autor: Koch

Überlebender Zeuge: “Die Ukrainer waren immer da, überall, ohne sie ging nichts in Sobibor”

Mittwoch, 20. Januar 2010 10:19

Mit der Vernehmung des Überlebenden Sobibor-Häftlings Thomas Blatt ist am 19. und 20.01.2010 die Beweisaufnahme vor dem Schwurgericht in München fortgesetzt worden. Der Zeuge, der in dem polnischen Ort Izbica aufgewachsen war, schilderte, wie er Ende April 1943 auf 2 Lastwagen mit ca. 200 Juden in das Vernichtungslager Sobibor verschleppt wurde: “Wir Polen wußten, was in Sobibor auf uns zukommen würde. Von Belzec war ja schon bekannt, daß dort Juden umgebracht wurden. Die SS legte keinen Wert darauf, uns zu täuschen, das machte man nur bei den Transporten aus Deutschland oder Holland, diese Juden ließ man bis zuletzt in dem Glauben, daß sie in ein Arbeitslager gekommen waren”.

Blatt erinnerte sich, daß auch er zunächst überrascht war, welchen geordneten und gepflegten Eindruck der erste Lagerbereich auf ihn machte: “Ich dachte, Sobibor muß wie eine Hölle aussehen. Menschen in Lumpen, aber es war ganz anders. Es war nicht schmutzig, es war schön, auf der rechten Seite war eine kleine Bahnstation mit Wegweisern. Auf einem Haus stand “Schwalbennest” geschrieben, es gab Blumen an den Wegen”.

Kurz nach der Ankunft war der 14jährige Blatt dann durch den SS-Mann Frenzel als Arbeitshäftling ausgewählt worden und konnte so als Zwangsarbeiter bis zum Aufstand am 14.10.1943 im Vernichtungslager überleben: “Ich mußte an vielen Stellen arbeiten, im Waldkommando, beim Sortieren der Kleider und Verbrennen der Dokumente der Opfer. Auch habe ich Frauen die Haare schneiden müssen, bevor sie ins Gas geschickt wurden”.

An Demjanjuk selbst hat Thomas Blatt, der seit den 1960er Jahren in NS-Verfahren wiederholt als Zeuge ausgesagt hatte, keine Erinnerung: “Ich kann mich nicht einmal an das Gesicht meiner Eltern erinnern. Ich habe nur gesehen, wie die Wachmänner mit den Bajonetten die polnischen Juden vor sich her getrieben haben. Ich habe die blutigen Schuhe der Wachmänner gesehen”. Die Ukrainer, so der Zeuge, seien immer da gewesen, ohne sie sei nichts in Sobibor gegangen.

Auf die Behauptung der Verteidigung, Demjanjuk sei als SS-Wachmann ebenso ein Opfer wie die Arbeitshäftlinge in Sobibor gewesen, entgegnete Blatt, daß die Juden im Gegensatz zu den Trawniki-Männern nicht bewaffnet gewesen seien und jeden Tag mit dem Tod rechnen mußten: “Wer behauptet, wir hätten mit den SS-Wachmännern auf einer Stufe gestanden, ist ein Idiot”.

Kategorie: Aktuelles zum Prozeßverlauf | Kommentare deaktiviert | Autor: Koch

Dem Grauen von Sobibor entronnen: Überlebende Lagerhäftlinge sagen aus

Montag, 18. Januar 2010 17:02

Mit Spannung und großem medialen Interesse werden ab morgen die Vernehmungen zweier gebürtiger Polen erwartet, welche 1943 als Zwangsarbeitshäftlinge mehrere Monate  im Vernichtungslager Sobibor überlebten, bis ihnen bei dem Aufstand vom 14.10.1943 mit anderen Lagerhäftlingen die Flucht aus Sobibor gelang. Beide Zeugen leben mittlerweile in den USA und nehmen an dem Verfahren auch als Nebenkläger teil.

Die Planung der bis zuletzt geheimgehaltenen Revolte erfolgte generalstabsmäßig und ging vornehmlich auf sowjetische (jüdische) Kriegsgefangene, v.a. den Rotarmisten Alexander Petscherski, sowie ein Komitee um den jüdischen Arbeitshäftling Leon Fehlhendler zurück. In spektakulärer Weise waren zunächst einzeln 12 SS-Männer in Hinterhalte gelockt und mit Äxten erschlagen worden. Mit den dabei erbeutenden Waffen wurde dann der Ausbruch aus dem streng bewachten Lager versucht, wobei hier zahlreiche Häftlinge im Kugelhagel der SS-Wachmänner sowie in Minenfeldern außerhalb des Lagerzauns zu Tode kamen. Von rund 200 Häftlingen, die den schützenden Wald erreichten, überlebten etwa 47 das Kriegsende.

Beide Zeugen werden mutmaßlich auch zu den “fremdvölkischen”  SS-Wachmännern aussagen, deren Manschaftstärke in Sobibor ca. 150 betrug und die nach Auffassung der Anklageschrift an allen Stellen des Vernichtungslagers Dienst verrichteten – einschließlich der Bewachung der Opfer auf ihrem letzten Gang in die Gaskammern. Es steht allerdings nicht zu erwarten, daß die Zeugen dabei den Angeklagten identifizieren könnten, zumal beide Überlebende bereits in frühereren Vernehmungen schon nicht behauptet hatten, sich an John “Iwan” Demjanjuk erinnern zu können.

Kategorie: Aktuelles zum Prozeßverlauf | Kommentare deaktiviert | Autor: Koch

Beweisaufnahme fortgesetzt: Sachverständiger erläutert System der Vernichtungslager der “Aktion Reinhard”

Mittwoch, 13. Januar 2010 10:21

Mit der Vernehmung des Sachverständigen Dr. Dieter Pohl, Historiker am angesehenen Müchener Institut für Zeitgeschichte und Experte für Holocaust-Forschung, ist vor dem Landgericht Müchen gestern das Verfahren gegen John “Iwan” Demjanjuk fortgesetzt worden. Der Sachverständige erläuterte zunächst die organisatorische Entwicklung der Judenvernichtung im Generalgouvernement und schilderte dann den Aufbau und die Funktion des Vernichtungslagers Sobibor, in dem Demjanjuk nach dem Vorwurf der Anklage von März bis September 1943 als SS-Wachmann tätig gewesen war.

In der  heutigen Fortsetzung wird Dr. Pohl zu dem System des Trawniki-Ausbildungslagers Stellung nehmen, in dem nach Schätzungen der Historiker bis zu 5000 sog. volksdeutsche sowie “fremdvölkische” Männer – überwiegend Russen und Ukrainer – zu Wachmännern der SS ausgebildet worden sind.

Kategorie: Aktuelles zum Prozeßverlauf | Kommentare deaktiviert | Autor: Koch