Nebenkläger im Demjanjuk-Verfahren: „Sobibor ist eine offene Wunde“

Vor dem Müchener Schwurgericht ist das Verfahren gegen John „Iwan“ Demjanjuk heute mit überaus bewegenden Aussagen der Nebenkläger aus den Niederlanden fortgesetzt worden.

Philip Jacobs (86) berichtete von seiner Zeit als junger Mann in Amsterdam, seinen vielen Kontakten zu deutsch-jüdischen Freunden und zionistischen Kreisen, seiner Familie sowie seiner ersten großen Liebe Ruth Eva Asch. Während Philip Jacobs, angehalten durch seinen Vater, die Flucht bis nach England gelang, wurden seine Eltern und seine Verlobte Ruth im Juli 1943 deportiert und am 23.07.1943 in Sobibor vergast. Hiervon hatte Philip Jacobs, welcher zum Ende des Krieges als holländischer Soldat bei der Royal Air Force diente und am Krieg gegen Nazideutschland teilnahm, erst nach 1945 durch das Rote Kreuz erfahren.

“Ich habe ein starkes Schuldgefühl, meine Verwandten allein gelassen zu haben, und vermisse meine Angehörigen sehr. Es gibt kein Grab, an dem man gedenken kann. Sobibor ist eine ungeheilte Wunde. Ich lese immer noch viel über den Holocaust, die Vergangenheit ist für mich Alltag”, berichtete Philip Jacobs vor dem Schwurgericht.

Rob Cohen (83), einer der ältesten Nebenkläger und Überlebender u.a. von Auschwitz-Birkenau, erzählte dem Gericht, wie er als 17jähriger als erster seiner Familie in Amsterdam verhaftet und fast ein Jahr im KZ Herzogenbusch sowie im Deportationslager Westerbork zugebracht habe. Von Westerbork sei er für 11 Monate nach Auschwitz-Birkenau verschleppt worden. Nach diversen Aufenthalten in anderen Lagern und einem Todesmarsch, mit dem die SS überlebende Lagerhäftlinge der Befreiung durch die die anrückende Roten Armee entziehen wollte, sei er dann nach Österreich gebracht worden. Hier hätten ihn alliierte Truppen schließlich befreit.

Von dem Schicksal seiner Familie hat Rob Cohen erst nach dem Krieg durch das holländische Rote Kreuz erfahren.

Danach wurde Marcus de Groot (70) zu seinen Angehörigen befragt. Er hatte von dem Tod von seiner Eltern sowie zahlreicher weiterer Angehöriger erst nach dem Krieg im Alter von 13/14 Jahren erfahren.  Einzelheiten seiner Geschichte kennt Marcus de Groot daher nur aus Erzählungen der Pflegeeltern: So sei seine Mutter verhaftet worden, als er selbst als 3jähriger bei Nachbarn zum Spielen gewesen sei. Auch der Vater sei nach Westerbork gebracht und von dort – wie die Mutter – nach Sobibor verschleppt und ermordet worden.

 Der Nebenkläger Paul Hellmann (74) erlebte ebenfalls eine Odyssee durch mehrere Pflegefamilien, die ihn vor dem Zugriff der SS versteckten. Allein seine Mutter überlebte in einem Versteck auf einem Hausboot, der Vater kam in Sobibor durch Gas zu Tode.  

Rob Wurms (66) erfuhr im Alter von 10 Jahren, daß seine Halbschwestern im Alter von 13 und 15 Jahren in Sobibor ermordet worden waren. Der Vater war in Auschwitz zu Tode gekommen. Ende der Achtziger Jahre geriet Rob Wurms über seine Nachforschungen über die verlorenen Familienmitglieder in eine schwere Depression und mußte diesen Verlust mehrere Jahre therapeutisch aufarbeiten. Erst im Anschluß hatte er wieder in seinem Beruf als Psychologe arbeiten können, erklärte er vor Gericht.

Leon Philip Herbert Vieijra (67) war gerade mal ein Jahr alt, als dessen Vater Herbert im Mai 1943 nach Sobibor gebracht wurde. Er selbst wurde, wie viele andere Kinder, in einer nichtjüdischen Pflegefamilie versteckt, was ihm das Überleben sicherte. Nach dem Krieg kam er zu seiner Mutter zurück, die überlebt hatte: „Als Kind habe ich sie immer gefragt, warum ich keinen Vater habe, sie wollte mir aber nie antworten. Sie war über ihre Trauer böse und verbittert geworden. Da fast 70 Personen aus meiner weiteren Familie im Holocaust umgekommen sind, konnte ich daher niemanden fragen“, so Leon Vieijra.

Max Degen (67) verlor Vater, Mutter, Bruder sowie weitere Familienangehörige in Sobibor. Auch er war vor dem Zugriff der SS versteckt und zunächst in eine Kinderkrippe gebracht worden. Als auch dieses Versteck aufzufliegen drohte, wurde er – keine 6 Monate alt – in einen Koffer gelegt und durch Helfer durch einen Wurf über eine Mauer in Sicherheit gebracht. Bis zum Kriegsende blieb er in Pflegefamilien versteckt.

Ellen van der Spiegel (67) berichtete, daß sie durch den studentischen Widerstand versteckt worden sei, die damalige Helferin für ihre Flucht sei heute 90 Jahre alt und lebe immer noch. Auch sie mußte zum Schutz Ihrer Person und zum Schutz der Pflegefamilien zunächst die eigene jüdische Identität leugnen und wurde im christlichen Glauben erzogen. Erst nach und nach – auch durch ihre Arbeit mit Schülern in den Niederlanden, denen sie auch heute noch das eigene Schicksal in den Jahren des Krieges und danach  näherbringt – fand sie zu ihrer eigenen jüdischen Identität. Ihre Eltern wurden im Alter von etwa 30 Jahren in Sobibor ermordet. Der Rest ihrer Familie kam ebenfalls in Sobibor und Auschwitz zu Tode. Im Alter von 8 oder 9 Jahren habe sie gleichsam “unter dem Weihnachtsbaum”  erfahren, daß ihre Eltern nur Pflegeeltern seien und die Familie im Holocaust umgekommen sei.

Jan Goedel (71), berichtete unter Tränen von dem Verlust von bis zu 30 Verwandten im Holocaust.  Als Kind wurde er bei Pflegeeltern versteckt, und konnte erst, als er die mittlere Reife erlangte, seinen ursprünglichen Namen Sally Israel den Mitschülern gegenüber offenbaren. Seine Pflegeeltern erhielten auf seine Initiative für die außerordentliche Aufopferung, die mit der Aufnahme des Flüchtlingskindes Jan verbunden gewesen war, eine besondere Ehrung als Gerechte unter den Völkern durch die Holocaust- Gedenkstätte Yad Vashem.

Karl Gutmann, der einzige deutsche Nebenkläger, erfuhr erst in den neunziger Jahren, daß seine aus Mühlheim an der Ruhr stammende Mutter und sein Bruder nach Izbica in Polen gebracht worden waren. Von dort seien sie nach Sobibor ins Gas geschickt worden.

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