Nach Anklageverlesung: Angehörige der in Sobibor Ermordeten geben Auskunft vor Gericht

Mit zum Teil sehr bewegenden Zeugenaussagen und Stellungnahmen der Nebenkläger hat heute die Beweisaufnahme begonnen. Nachdem am Vormittag die Verteidigung abermals Anträge auf Einstellung des Verfahrens gestellt hatte, deren Bescheidung das Gericht ausnahmslos zurückstellte, konnte vor der Mittagspause zunächst als wichtiger Verfahrensabschnitt die Anklageschrift gegen John “Iwan” Demjanjuk verlesen werden.  

Seit Wiederaufruf der Sache nach der Mittagspause haben nunmehr die Hinterbliebenen der 1943 in Sobibor ermordeten Juden das Wort. Konzentriert,  doch zum Teil auch sehr bewegt geben die Nebenkläger nun – überwiegend erstmals – vor einem deutschen Strafgericht an, wer ihre Eltern und Geschwister und sonstigen Angehörigen waren, wann sie diese das letzte Mal gesehen und wie sie vom Tod ihrer Nächsten erfahren haben.

Mary Richheimer-Leijden van Amstel trug mit großer Fassung als erste Zeugin ihre Geschichte vor: Im Alter von knapp vier Jahren war sie durch ihre Eltern in eine andere Familie “in den Untergrund” gegeben worden und hatte erst nach Kriegsende erfahren, daß ihre gesamte Familie durch die Vernichtungsmaschinerie der Nazis zu Tode gekommen war. Befragt, ob sie irgendeine Erinnerung an ihre eigene Familie habe, gab sie an: “Es hat keiner überlebt, ich kann mich auch an niemanden erinnern, ich war zu klein”.

David van Huiden, dem als 11-Jähriger in Amsterdam inmitten der Razzien 1943 ein Spaziergang mit einem deutschen Schäferhund durch die deutschen Kontrollen das Leben gerettet haben muß, gab an, daß man damals von Arbeitseinsätzen der Familienmitglieder im Osten ausgegangen war und geglaubt hatte, man sehe sich nach Kriegsende wieder.

Sehr bewegend waren die Angaben von Rudie Cortissos, der den Krieg gemeinsam mit seinem Vater überlebt hatte. Nach dessen Tod fand er als junger Mann einen Brief der Mutter, den diese bei dem Transport aus dem Deportationszug hatte werfen können, welcher dann durch den unbekannten Finder den Weg zum Vater gefunden haben mußte. Dieser hatte dieses letzte Dokument vor seinem Sohn geheimgehalten, wohl um ihn zu schonen. Hiervon hatte der Sohn bis zum Tod des Vaters nie etwas erfahren. Als Rudie Cortissos den Originalbrief seiner Mutter den Richtern zur Einsicht zeigte, brach er zusammen und weinte bitterlich. Auch bei vielen der anderen Nebenkläger flossen Tränen.

Der Angeklagte Demjanjuk blieb bei alldem regungslos liegen. Nach zwei weiteren Zeugenbefragungen machte er allerdings durch Gesten auf sich aufmerksam: Wegen angeblichen Unwohlseins und/oder Schmerzen wurde die Sitzung sodann unterbrochen und auf Mittwoch vertagt…

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